Die Hand
Die Hand,
[
939-940] plur. die Hände, Diminut. das
Händchen, Oberd. Händlein. 1. Eigentlich. Dasjenige Gliedmaß der Menschen und
Thiere, womit sie andere Dinge ergreifen und halten. 1) Im weitesten Verstande,
in welchem nur noch die Füße der Falken bey den Jägern Hände genannt werden. 2)
In engerer und gewöhnlicherer Bedeutung, an den menschlichen Körpern, der
äußerste Theil des Armes, von dem Ende des Elbogenbeines oder von der
Handwurzel an, bis zu den Fingern, mit Einschließung der selben. Die flache
Hand, der Theil der Hand von der Handwurzel bis zu den Fingern. Die hohle Hand,
der innere Theil der flachen Hand, welche auch in engerm Verstande die flache
Hand oder der Handteller genannt wird, im Gegensatze des Rückens der Hand, oder
des äußeren Theiles der flachen Hand. Im Isidor Folma, nach dem Latein. Palma.
Jemanden mit verwandter oder umgewandter Hand eine Ohrfeige geben, mit dem
Rücken der Hand. In einem andern Verstande ist die hohle Hand der innere Raum
der halb geschlossenen Hand. Eine Hand voll, so viel als man in der Hand und
mit der Hand fassen kann. (
S. Hämflich,) Die rechte Hand, die linke Hand. Etwas mit
der Hand anfassen, in die Hand nehmen, mit der Hand halten, aus der Hand legen,
in welchen so wie in den folgenden und allen ähnlichen R. A. das Wort Hand bald
im Singular, bald nur im Plural, bald in beyden zugleich üblich ist. Wenn ich
dich an meiner Hand durch eine schöne Gegend führte. Jemanden bey der Hand
anfassen, oder ihn bey der Hand nehmen, dessen Hand anfassen. Jemanden bey der
Hand halten. Ein Kind bey der Hand führen. Hand in Hand gehen, sagt man von
zwey Personen, welche ihre Hände in einander geschlossen, oder sich bey den
Händen angefasset haben. Hand in Hand gedrückt kamen sie in das Gebüsche, Geßn.
Möchtet ihr stets Hand in Hand Auf Einem Wege gehen! Schleg.
Bald schlossen alle Hand in Hand, Ein Reihentanz ward angefangen, Utz.
Jemanden die Hand geben, sich in die Hände geben, ein Zeichen
des Grußes, der Versöhnung, des Friedens. Jemanden die Hand auf etwas geben,
zur Versicherung eines gethanen Versprechens, oder eines geschlossenen
Vertrages; eine Gewohnheit, welche so alt ist, als das menschliche Geschlecht
selbst. Die Hände falten, eine gleichfalls uralte Feyerlichkeit bey dem
Gebethe. sage ihm, daß diese ohnmächtigen Hände sich für ihn zum letzten Mahle
falten, zum letzten Mahle für ihn bethen. Einem Kinde die Hand führen, wenn es
schreiben lernet. Mit den Händen arbeiten, Handarbeit verrichten. Die Hände gen
Himmel heben, zum Zeichen der Andacht, des Gebethes, auch einer großen
Verwunderung. Die Hände über den Kopf zusammen schlagen, zum Zeichen der
Verzweifelung, oder eines großen Jammers. Die Hände zusammen schlagen, ein
Merkmal eben dieser Empfindungen. Eine feste, gesetzte Hand haben, welche vor
allen unwillkührlichen Bewegungen sicher ist. Figürlich ist die feste Hand bey
einer Waare, der immer gleiche Preis derselben und dessen Erhaltung,
S. Fest. Einem Kinde die Händchen geben, im gemeinen
Leben Obersachsens, demselben nach dem achten Tage nach der Geburt beym Windeln
die Hände und Arme frey lassen. Sich eine Person zur linken Hand oder an die
linke Hand antrauen lassen, eine noch unter dem hohen Adel zuweilen übliche
Gewohnheit, wenn sich derselbe mit einer Person geringern Standes vermählet,
welche Ehe die Ehe zur linken Hand genannt wird. Die aus einer solchen Ehe
erzeugten Kinder bleiben von dem völligen Erbe und der Nachfolge
ausgeschlossen. Die Nothwendigkeit und der große Nutzen diese Gliedmaßes haben
zu einer Menge figürlicher R. A. Anlaß gegeben, in welchen Hand oder Hände zwar
seine eigentliche Bedeutung behält, aber doch mit der ganzen R. A. ein Bild
einer andern Sache wird. Einige der vornehmsten sind folgende. Die Sache ist
mir unter den Händen weggekommen, indem ich mich noch damit beschäftigte. Von
Handen kommen,
S. Abhanden. Eine Arbeit unter den Händen haben, sie in
der Arbeit haben, daran arbeiten. Unter der Hand, insgeheim, heimlich. Ich gab
es ihm unter der Hand zu verstehen, ließ es ihn unter der Hand errathen. Nicht
mehr haben, als aus der Hand in den Mund, was man erwirbt, auch sogleich
verzehren. Ein Gewerbe mit leeren Händen anfangen, ohne eigenes Vermögen.
[
941-942] Einem etwas auf die Hand geben, zur Festigkeit
eines geschlossenen Vertrages etwas von der bedungenen Summe geben, siehe
Handgeld. Er hat schon zehn Thaler auf die Hand genommen. Einem die Hände
biethen, eigentlich darreichen, ihm zu helfen, figürlich ihn unterstützen, ihm
hülfliche Hand leisten, oder biethen. Der Tugend und Gottseligkeit die Hände
biethen, sie zu befördern suchen. Wir können uns in unserm Vorhaben die Hände
biethen, uns helfen, unterstützen. Hand an das Werk legen, es anfangen. Die
letzte Hand an etwas legen, es vollbringen. Hand an jemanden legen, versönliche
Gewaltthätigkeiten an ihm begeben Hand an sich selbst legen, sich ermorden. Die
Arbeit geht ihm gut von der Hand, geht ihm gut, hurtig von Starten.
Bey der Liebe Gegenstand Geht er mir fix von der Hand, Weiße.
Alle Hände voll zu thun haben, häufige Beschäftigungen haben.
Etwas vor die Hand nehmen, anfangen sich damit zu beschäftigen. Allerley Mittel
vor die Hand nehmen, versuchen. Die Hand oder die Hände von jemanden abziehen,
aufhören, ihm zu helfen, ihm zu unterstützen. Die Hände oder die Hand mit im
Spiele haben, an etwas mitwirken.
Gott hat die Hand in jedem Spiel, Bald gibt er wenig und bald
viel, Can.
Seine milde Hand aufthun, mildthätig seyn. Einem Mittel und
Wege an die Hand geben, ihm solche vorschlagen, bekannt machen. Etwas aus
freyer Hand thun, mit der bloßen Hand, oder Beyhülfe anderer Werkzeuge: aber
etwas aus freyer Hand, oder aus der Hand verkaufen, freywillig, aus eigener
Macht, im Gegensatze des gerichtlichen Verkaufes. Man kann es mit den Händen
greifen, es ist augenscheinlich,
S. Handgreiflich. Die Hände in den Schoß legen, müßig,
unthätig, unwirksam seyn, wo man wirksam seyn sollte; auch, die Hände in den
Sack, oder in die Tasche stecken. Eine Hand wäscht die andere, ein Sprichw.
über welches Rabener die beste Auslegung geschrieben hat. Sich auf seine eigene
Hand setzen, sich selbst zu ernähren anfangen, im Gegensatze des Dienens; auf
seiner eigenen Hand sitzen, oder liegen, sich selbst ernähren. Jemanden die
Hände versilbern, ihn bestechen; im gemeinen Leben, ihm die Hände schmieren. Es
hat weder Hand noch Fuß, kein Geschick. Ich werde mir die Hände nicht binden
lassen, mich nicht einschränken, mir nicht vorschreiben lassen. Die Hände sind
ihm gebunden, er hat nicht freye Gewalt. Jemanden freye Hände lassen, freye
Hände haben, freye Macht, Gewalt. Mit beyden Händen zugreifen, so wohl
eigentlich, als auch figürlich, etwas begierig annehmen. Der Glaube wird ihm
wohl in die Hände kommen, die Erfahrung wird ihn das mit seinem Schaden wohl
glauben lehren. Wir werden hier fast auf den Händen getragen, man erweiset uns
hier alle nur ersinnliche Ehrerbiethung und Liebe. Einer Person die Hand geben,
sich mit ihr verehelichen. Und wenn ich auch noch zehen Jahre auf seine Hand
warten soll, auf die Vollziehung des ehelichen Verlöbnisses. Meine Hand ist
vergeben, ich habe mich schon verlobt. Die Hand über etwas halten, es bewahren,
beschützen, in gutem Stande zu erhalten suchen. Mit ungewaschenen Händen, ohne
gehörige Vorbereitung, ohne die nöthigen Fähigkeiten zu besitzen. Etwas nach
der Hand verkaufen, nach muthmaßlicher Schätzung des Maßes oder Gewichtes, es
gleichsam in der Hand wägen oder messen. Die Hand auf den Mund legen, aus
Ehrerbiethung, aus Achtung schweigen, Hiob 29, 9; Sprichw. 30, 22. Jemanden auf
die Hände sehen, Acht haben auf dasjenige, was er thut, aber auch, damit er
nichts entwende, ihm auf die Fin- [
943-944] ger sehen.
Einem die Hände sehen, seinen Unterhalt, Wohlthaten von ihm erwarten, Sir. 33,
22. Etwas bey der Hand haben, es gleich bekommen können, es an einem bequemen
Orte liegen haben. Ich habe es nicht bey der Hand, kann es nicht gleich und
ohne Mühe bekommen; im Oberdeutschen, ich habe es nicht beyhändig. Ist niemand
bey der Hand? ist niemand da? Der Herr ist nicht bey der Hand, in
Niedersachsen, er ist nicht zu sprechen. Die Sache liegt mir nicht zur Hand,
liegt mir nicht bequem, so daß ich sie gleich haben könnte. Jemanden zur Hand,
oder an die Hand gehen, in Oberd. ihm an Handen gehen, ihm Handreichung thun,
seine Verrichtungen durch kleine Dienste erleichtern. Ist mir denn kein Mensch
zur Hand? ist niemand da, der mir helfe? Mein Tisch wird mit lauter Speisen
besetzt, die mir in die Hand wachsen, die ich selbst baue oder erzeuge, nicht
kaufen darf. Die Hand verbrechen oder verwirken, in den Rechten, ein Verbrechen
begeben, welches mit Abhauung der Hand bestrafet wird. Die Klage gehet dem
Beklagten an die Hand, wenn er die Hand verwirkt hat. Etwas mit Hand und Mund
versprechen, auf die feyerlichste Art. Einem in etwas aus Handen gehen, im
Oberd. es ihm abschlagen. Ew. Schreiben ist mir zu Handen kommen, gleichfalls
in Oberd. ich habe es erhalten. Über Eine Hand arbeiten, wird von einer
Gesellschaft Handarbeiter gesagt, wenn sie alle entweder rechts, oder links
sind. Zu Handen gehen, im Oberd. widerfahren.
Wenn ihm was Widriges zu Handen möchte gehn, Opitz.
In vielen Fällen wird es überflüssig gesetzt, einen mehrern
Nachdruck zu bewirken. Er hat es mit eigener Hand gethan. Ich habe es ihm mit
meiner Hand gegeben.
Vergeblich (Vergebens) böthe sie mir heut Mit ihrer Hand
Unsterblichkeit, Raml.
2. Figürlich. 1) Die rechte Hand, in einigen wenigen Fällen.
Zur Hand arbeiten, im Bergbaue, zur rechten Hand; wohin vermuthlich auch die
schon oben angeführte R. A. gehöret, es ist nicht zur Hand. 2) Die Seite; doch
nur in den R. A. die rechte, die linke Hand. Einem rechter Hand haben, auf
dessen rechten Seite. Sich linker Hand, oder zur linken Hand wenden, auf die
linke Seiten. Bey den Niedersächsischen Fuhrleuten bedeutet tor Hand oder zur
Hand, die linke, und von der Hand, die rechte Seite.
S. Handpferd. 3) Der Besitz einer Sache. Etwas aus den
Händen lassen, welches auch von einem nur möglichen Besitze gebraucht wird.
Eine Gelegenheit nicht aus den Händen lassen, sie nicht ungebraucht vorbey
gehen lassen. Ich habe es schon in Händen. Einem etwas in die Hände spielen.
Ich habe die kräftigsten Beweise in den Händen. 4) Gewalt, Macht, in einigen R.
A. Die Sache stehet in Gottes Hand, oder in Gottes Händen. Große Herren haben
lange Hände, ihre Macht erstreckt sich weit. Er ist seinen Feinden in die Hände
gefallen, gerathen. Unter der Hand des Arztes seyn. In der Deutschen Bibel ist
es in dieser Bedeutung sehr häufig.
S. Oberhand. 5) Die wirkende Kraft, in der höhern
Schreibart. Wir sind Staub durch eine allmächtige Hand beseelt, Gell. In der
Deutschen Bibel werden die Wörter Hand, Finger und Arm sehr häufig von der
wirkenden Kraft Gottes, von der Erweisung seiner Allmacht gebraucht. 6) Die
wirkende oder besitzende Person selbst, in einigen bereits eingeführten Fällen.
Viele Hände machen kurze Arbeit. Der Wechselbrief ist schon in der dritten
Hand, es [
943-944] hat schon die dritte Person ihn im
Besitze. Ich weiß es von guter Hand, habe es von guter Hand erfahren, von einer
zuverlässigen Person. Mit gesammter Hand, alle insgesammt. Im Lehenswesen
hingegen ist die gesammte Hand, wenn alle Verwandte mit einem Lehen zugleich
belehnet werden.
S. Gesammt. Ein Geschenk von hoher Hand, oder von hohen
Händen, von einer vornehmen Person. Wird nicht das Volk ihr Blut von meinen
Händen fordern? Weiße, von mir. Ich bekomme es aus der ersten, aus der zweyten
Hand u. s. f. Er ist in schlechte Hände gerathen, in schlechte Gesellschaft,
unter einen schlechten Lehrer, Anführer. Wenn er in gute Hände fällt, so kann
noch etwas aus ihm werden. In dem Lehenswesen einiger Gegenden ist die obere
Hand der Lehensherr, die untere Hand aber der Vasall. Die todte Hand, eine
ehemahlige Benennung eines Verstorbenen. In einem andern Verstande ist todte
Hand, noch mehr aber das mittlere Lat. Manus mortua, eine gottesdienstliche
Stiftung, wo Hand aber zunächst den Besitz zu bezeichnen scheinet. Ein Gut
kommt an die todte Hand, wenn eine gottesdienstliche Stiftung es, erwirbt, weil
es alsdann aus dem Handel und Wandel kommt, und für den Staat gleichsam tobt
ist. 7) Die Art und Weise zu schreiben. Eine gute, eine schlechte Hand
schreiben. Er schreibt eine sehr leserliche Hand. Das ist eine schöne, eine
schlechte Hand. Alle Hände lesen können. Unter seiner Hand und Siegel, mit der
eigenen Unterschrift seines Nahmens und mit seinem Siegel. Zuweilen auch die
eigenhändig geschriebene oder doch unterschriebene Schrift selbst. Ich habe
seine Hand darüber. 8) * Der Zustand, die Beschaffenheit eines Dinges; ein im
Hochdeutschen veralteter Gebrauch, welcher eine Fortsetzung der zweyten
figürlichen Bedeutung seyn könnte, wenn es nicht glaublicher wäre, daß Hand in
dieser Bedeutung ein ganz verschiedenes Wort ist, welches zu dem alten Chun,
Chunne, Geschlecht, gehöret, wovon noch unser Kind, abstammet;
S. dasselbe. Ehedem sagte man in der bessern Hand seyn,
in der Besserung, die ärgere Hand, die geringere, schlechtere Beschaffenheit.
In engerer Bedeutung wurde es ehedem auch für Art, Geschlecht, gebraucht. Von
drier Hand frien luten, von dreyer Art freyen Leuten, Schwabensp. Im
Hochdeutschen ist dafür jetzt -ley üblich. Mancher hande blumelin, mancherley
Blumen, einer der Schwäbischen Dichter; zweyerhand, zweyerley, Garten der
Gesundh. 1490; vielerhand, Opitz für vielerley.
Vermehren ihren Glanz mit Wassern vieler Hand, Opitz.
S. Allerhand, welches noch in diesem Verstande üblich
ist. 9) In einigen adverbischen R. A. hat es die Bedeutung einer Zeit. Zu Hand,
bey dem Opitz zi henti, für sogleich, schnell, ist veraltet.
Zu Handt der jung ward vderütz (überdrüssig) Der weldt, H.
Sachs.
Im Bergbaue sagt man noch zur Hand arbeiten, d. i. eifrig,
fleißig, schnell. Von der Hand, für jetzt. Lassen sie das vor der Hand gut
seyn. Nach der Hand, nachher, nachmahls; im Nieders. hingegen bedeutet es nach
und nach. Hierher scheinen auch die im Kartenspiele üblichen R. A. zu gehören,
vor der Hand und hinter der Hand. Vor der Hand zuwerfen, zu frühe, ehe als die
Reihe es erfordert; hinter der Hand sitzen, der letzte im Zuwerfen seyn.
S. auch Vorhand. Anm. Dieses Wort lautet schon bey dem
Ulphilas Handus, bey dem Kero, Ottfried und andern Hant, im Nieders. Engl. Dän.
und Schwed. gleichfalls Hand, ja sogar bey den Krimmischen Tatarn Handa. Es ist
sehr wahrscheinlich, daß es, [
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Frisch muthmaßen, von dem Zeitworte haben abstammet, welches in einigen alten
Mundarten im Infinitivo han, und in der dritten Person des Plurals des
Präsentis han und hant lautet; so daß Hand eigentlich dasjenige Gliedmaß
bedeutet, womit man etwas ergreifet oder hat. Das alte Lat. hendo, in prehendo,
kommt damit überein. Das Isländ. Ram, die Hand, hat einen ähnlichen Ursprung
von rama, raffen. Der Plural lautet im Oberdeutschen Hande. In den
Zusammensetzungen bedeutet es oft eine Sache, welche ohne Mühe in der bloßen
Hand getragen oder gehandhabet werden kann. [
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