Werfen
, [
1499-1500] verb. irreg. act. Präs. ich
werfe, du wirfst, er wirft, wir werfen, u. s. f. Conj. werfe; Imperf. warf,
(ehedem wurf,) Conj. würfe; Particip. geworfen. Es bedeutet, einen Körper mit
Heftigkeit durch den freyen Luftraum forttreiben, und zwar: 1. Eigentlich, da
es denn in der edlern Sprechart für das niedrige schmeißen gebraucht wird. Es
wird häufigsten von Dingen gebraucht, welche man aus freyer Hand wirft: einen
Stein in das Wasser, Holz ins Feuer werfen; aber auch in manchen Fällen, wenn
dieses Werfen vermittelst künstlicher Maschinen geschiehet: Bomben werfen,
Bomben in die Stadt werfen. Überhaupt wird entweder die Sache, welche man
wirft, in den Accusativ gesetzt, da denn der terminus ad quem eine Präposition
bekommt. Einen Stein nach jemanden werfen, den Stein in das Wasser, den Ball an
die Wand, das Getreide in den Fluß, die Waaren über Bort werfen. Etwas von sich
werfen. Einem etwas vor die Füsse werfen. Das Los über etwas werfen. Die
meisten Augen werfen, im Würfelspiele. Einem etwas in den Weg werfen, ihm ein
plötzliches Hinderniß verursachen. Oder der terminus ad quem stehet in dem
Accusativo, da denn die geworfene Sache die Präposition mit bekommt. Jemanden
mit Roth, mit Steinen werfen. Sich mit Schnee werfen. Jemanden die Augen aus
dem Kopfe werfen. Zuweilen bekommen beyde eine Präposition: mit Steinen, mit
Roth nach einem werfen. Mit Scheltworten, mit Lateinischen Brocken u. s. f. um
sich werfen, sie häufig gebrauchen. 2. In theils weiterer, theils engerer,
theils figürlicher Bedeutung. (2) Für stoßen. Jemanden zu Boden werfen, ihn
stoßen, daß er zur Erde fällt. Einen über den Haufen werfen, in der vorigen
Bedeutung. Den Staat, die Gesetze, u. s. f. über den Haufen werfen, eine
niedrige Figur. Jemanden über den Tölpel werfen, noch niedriger, einen
Einfältigen hintergehen. (2) Mit Heftigkeit oder Geschwindigkeit bewegen, in
vielen einzelnen Fällen. Jemanden in das Gefängniß werfen, ein harter Ausdruck.
Truppen in eine Festung werfen, die Truppen haben sich in die Festung geworfen.
Einen Mantel, die Kleider über sich werfen. Sie warf den nächtlichen Anzug von
ihren Schultern. Sich vor jemanden auf die Knie, sich ihm zu Füßen werfen. Sich
auf das Bett, in den Wagen, in einen Stuhl, unter einen Baum werfen. Sich
jemanden um den Hals werfen, ihm um den Hals fallen. Sich einem in die Arme
werfen, ihn schnell und mit Heftigkeit umarmen; auch figürlich, sich ganz
seiner Gewalt, seinem Schutze anvertrauen. Die Nase in die Höhe werfen, mit
Hohn verbun- denen Stolz durch schnelle Erhebung des Kopfes an den Tag legen.
(3) Oft verschwindet auch der Begriff der Geschwindigkeit und der Heftigkeit,
und da bleibt der bloße Begriff der Bewegung oder der Richtung übrig. Ein
Körper wirft einen Schatten, wenn er ihn macht. Das Holz wirft sich, wenn es
von der Witterung krumm gezogen wird. Einen Blick auf jemand werfen, ihn
ansehen. Die Augen auf etwas werfen, so wohl auch, es ansehen, als ein
Verlangen darnach nähren. Die Schuld auf jemanden werfen, schieben. Haß, Liebe,
Zorn auf jemanden werfen. (4) Bey den bildenden Künstlern wird werfen von der
Anordnung der Falten und Umrisse eines Gewandes gebraucht. Ein Mahler wirft
seine Gewänder gut, wenn er sie natürlich anordnet. Ein wohl geworfenes Gewand.
(5) Jemanden werfen, seinen Bankerott, seinen Untergang verursachen; eine
Ellipse für zu Boden werfen. Dieser Wechsel hat ihn geworfen. (6) Von vielen
vierfüßigen Thieren ist werfen so viel als Junge gebären, da es denn so wohl
als ein Neutrum, als auch als ein Activum, gebraucht wird, für das niedrigere
jungen. Die Hündinn hat geworfen, sie hat sechs Junge geworfen. Von vielen
Thieren hat man eigene Verba, z. B. füllen, Nieders. fohlen, kalben, ferkeln;
welche aber unedler sind, werfen. Außer dem ist das allgemeinere werfen für die
besondern Verba nothwendig, wenn der Nahme des Geborenen mit ausgedruckt wird,
d. i. wenn das Verbum active stehen sollte. Die Stutte hat ein schönes Füllen
geworfen. (7) Bey den Falkenieren ist werfen, von den Falken gebraucht, den
Leib ausleeren, als ein Neutrum. Daher das Werfen.
S. auch Wurf. Anm. Von den ältesten Zeiten an schon im
Oberdeutschen werfan, im Niederd. warpen, bey dem Ulphilas wairpan, im Schwed.
und Isländ. varpa. im mittlern Lateine guerpire.
S. auch Wirbel und Werben, welche ohne Zweifel damit verwandt
sind. [
1501-1502]