Umgehen
, [
803-804] verb. irreg. (
S. Gehen.) 1. Umgehen, ich gehe um, umgegangen,
umzugehen, ein Neutrum mit dem Hülfsworte seyn. 1) Um seine Achse gehen, sich
um seine Achse drehen. Das Rad geht um. Figürlich ist es im gemeinen Leben
einiger Gegenden so viel als zu Ende gehen, um seyn. Wenn das Jahr umgegangen
ist, besser zu Ende gegangen ist. Nach einer andern Figur sagt man im
Hüttenbaue, die Hütten gehen um, wenn in denselben geschmelzet wird. 2) Herum
gehen, umher gehen. (a) Eigentlich; wo es doch in der edlen Schreibart veraltet
ist. Schon bey dem Notker umbegaan. Ich will in der Stadt umgehen auf den
Gassen, Hohel. 3, 1. Die Wächter, die in der Stadt umgehen, V. 3. Nimm die
Harfe, gehe in der Stadt um, Es. 13, 16. (b) Figürlich sagt man im gemeinen
Leben, es geht in dem Hause um, wenn sich Gespenster in demselben vermerken
lassen; wo es aber das Hülfswort haben bekommt.
In meinen Keller selbst geht's um, Ich hör' oft ein Gesause,
Less.
3) Im Kreise herum gehen. (a) Eigentlich. So sagt man noch,
wenn man schwindlich ist. Das ganze Zimmer gehet mit mir um, wenn es sich im
Kreise herum zu drehen scheinet. (b) In engerer Bedeutung ist umgehen, im Gehen
einen Umweg nehmen, nicht den geraden und möglichst kürzesten Weg gehen. Wir
sind eine ganze Meile umgegangen. 4) Mit etwas, mit jemanden, auf etwas
umgehen, lauter figürliche Bedeutungen einer unbekannten eigentlichen, oder, wo
wenigstens das Mittel der Vergleichung dunkel ist. Da die Deutsche Sprache
viele Ausdrücke nach dem Lateinischen gemodelt, und oft buchstäblich übersetzt
hat, so scheinet es fast, daß umgehen hier nach dem Lat. versari gemodelt
worden, welches man von vertere abgeleitet, da denn diese R. A. Figuren der
vorigen dritten oder auch der ersten Bedeutung seyn würden. Das Schwed. omga
hat eben dieselben Bedeutungen. (a) Mit etwas umgehen, sich damit beschäftigen,
damit zu thun haben; doch eben auch nicht in allen Fällen. Mit Wolle, mit
Flachs, mit Federn umgehen. Womit man umgeht, das klebt einem an. Es sind
Leute, die mit Vieh umgehen, 1 Mos. 46, 32. Mit Lügen, mit Ränken, mit bösen
Streichen umgehen, Fertigkeit besitzen, sich ihrer bedienen. Stets mit Gottes
Wort umgehen, sich damit beschäftigen, Sir. 14, 22. Mit Weißagen und Zaubern
umgehen, 2 Kön. 17, 17. ist ungewöhnlich, indem umgehen nur alsdann üblich zu
seyn scheinet, theils, wenn der Gegenstand ein eigentliches Hauptwort ist,
theils auch, wenn derselbe eine unerlaubte oder gleichgültige Sache ist. Doch
sagt man noch mit der Wahrheit umgehen, die Wahrheit reden, 1 Mos. 42, 16; aber
nicht mit Rechtschaffenheit, mit Tugend umgehen. (b) Mit oder auf etwas
umgehen, bedeutet oft auch, es vorhaben, es auszuführen suchen, auch nur von
entweder gleichgültigen, oder unerlaubten Dingen. Mit einer Reise oder auf eine
Reise umgehen, sie ins Werk zu richten suchen. Sein Herz gehet mit Unglück um,
Es. 32, 6. Ich weiß, worauf der Junker umgeht, Weiße. Auf große Dinge, oder mit
großen Dingen umgehen, auf Krieg umgehen. Hingegen sagt man nicht, auf eine
gute Handlung mit einem guten Werke u. s. f. umgehen. (c) Mit jemanden umgehen,
mehrmahls in gesell- schaftlicher Absicht mit ihm zusammen kommen, Umgang mit
ihm haben. Mit vielen Personen umgehen. Nur mit rechtschaffenen Leuten umgehen.
Es ist nicht gut mit ihm umgehen. (
S. Umgang.) (b) In einem andern Verstande gebraucht man
diese R. A. die Art und Weise der persönlichen Behandlung oder Begegnung zu
bezeichnen. Gütig, freundlich, gelinde mit jemanden umgehen, ihn so behandeln.
Am häufigsten von einer nachtheiligen Behandlungsart. Hart, grausam,
schimpflich mit jemanden umgehen. Der Herr wird wunderlich mit dir umgehen, 5
Mos. 28, 59. Sie gehen schändlich mit mir um, 2 Chron. 11, 4. 2. Umgehen, ich
umgehe, umgangen, zu umgehen, ein Activum, um etwas herum gehen, mit dessen
Meldung in der vierten Endung. 1) Eigentlich. Eine Stadt, einen Wald umgehen,
rings um dieselben herum gehen. Man kann die Stadt in einer Stunde umgehen. In
engerer Bedeutung umgehet man die Gränzen, oder eine Flur, wenn sie von den
dazu verordneten Geschwornen besichtigt werden, wofür an einigen Orten auch
untergehen üblich ist. (
S. Umgang und Umgänger.) 2) Figürlich sagt man, man
könne etwas umgehen, so wohl, wenn man es vermeiden, demselben ausweichen kann,
wenn man umhin kann es zu thun, als auch zuweilen, wenn man es entbehren kann.
Ich habe nicht umgehen können, dir solches zu melden. Indessen ist dafür im
Hochdeutschen Umgang haben oder nehmen üblicher,
S. dieses Wort. [
805-806]