Schauen
, [
1379-1380] verb. reg. act. et neutr.
welches das Hülfswort haben erfordert, und mit sehen einerley Abstammung und
Bedeutung hat, nur daß es der Oberdeutschen Mundart, in welcher es eigentlich
einheimisch ist, mehr angemessen ist, als den übrigen, welches so wohl aus dem
stärkern Zischer, als auch aus dem hohen Doppellaute au erhellet. 1) Mit
scharfer Aufmerksamkeit sehen, genau sehen, ingleichen besichtigen; in welcher
Bedeutung es eigentlich ein Intensivum von sehen ist, welche Intension von dem
stärkern Zischlaute sch herrühret. In dieser Bedeutung ist es besonders in
einigen Fällen im Oberdeutschen üblich. Das Fleisch schauen, es besichtigen.
Das Brot schauen, besichtigen. In den Niederdeutschen Marschländern hält man
ein Schauen, wenn die Deiche von der dazu gesetzten Obrigkeit besichtiget
werden. (
S. auch Schau.) 2) In weiterer Bedeutung wird es im
Oberdeutschen durchgehends für das Zeitwort sehen gebraucht, es sey nun ein
Neutrum oder ein Activum. Ich habe es geschauet, gesehen. Schau, siehe. Abraham
wandte sein Angesicht gegen Sodom - und schauete, und siehe, da ging ein Rauch
auf, 1 Mos. 19, 28. Schaue gen Himmel, und siehe, und schaue an die Wolken,
Hiob 35, 5. Schaut, daß ihr sie bewegt, Opitz; sehet zu.
Die Alten wollten nicht verstehn Die Wunder im Ägyptenlande,
So sie geschaut durch dich ergehn, ebend. Ps. 106.
In der gemeinen Sprechart der Hochdeutschen ist es in keiner
von beyden Bedeutungen üblich, wohl aber in der höhern, besonders poetischen,
wo es sehr häufig für sehen gebraucht wird.
Auf seinen Wangen ist zu schaun Anstatt der Jugend Milch, ein
lebhaft männlich Braun, Haged.
Eine bloß biblische, vermuthlich auf eine Morgenländische
Figur gegründete Bedeutung ist es, wenn dieses Wort für vorher sehen und vorher
verkündigen, weißagen, gebraucht wird. Ihr sollt uns nicht schauen die rechte
Lehre, Es. 30, 10. Schauet uns Täuscherey, ebend. Daher Luther auch die
Propheten so wohl Schauer als Seher nennet, weil sie gleichsam in die Zukunft
schauen oder sehen. Daher das Schauen, und die Schauung, welches letztere doch
nur in Zusammensetzungen üblich ist. Anm. Schon bey dem Kero, Ottfried u. s. f.
scouuon, bey dem Willeram skouuen, im Nieders. doch nur in einigen aus dem
Oberdeutschen entlehnten Fällen, schauen, im Schwed. mit einem intensiven
Endlaute skada, im Hebr. -
hier nichtlateinischer Text, siehe Image - ,
im Griech. mit dem gleichbedeutenden th, -
hier nichtlateinischer Text,
siehe Image - . Kero gebraucht es noch in der ersten intensiven Bedeutung,
denn bey ihm scauuon forschen. Im Angels. ist sceavian, und im Engl. to shew,
factitive, sehen machen, d. i. zeigen. Die Bedeutung des Sehens ist nur eine
von den vielen, welche diesem Zeitworte, wenn es in seiner ursprünglichen
Bedeutung und in seinem ganzen Umfange betrachtet wird, zukommt. Der stärkere
und schwächere Sibilus s und sch sind in der Natur gegründete Ausdrücke eines
zischenden Lautes und der damit verbundenen, gemeiniglich schnellen und
gelinden Bewegung, und vermittelst der Endung -en, entstehen daraus die
Zeitwörter schaen, scheen, schauen, saen, seen u. s. f. welche ursprünglich
gewisse mit diesem Laute verbundene Bewegungen bedeuten, und in allen Sprachen
noch eine große Menge Nachkommen hinterlassen haben. Davon stammen denn See,
Schau, eine Flagge, so, schehen in geschehen u. a. m. her. Mit den gewöhnlichen
intensiven und frequentativen Endungen bezeichnen schauern, schaudern,
scheuern, schütten, schütteln u. s. f. allerley Abänderungen dieser Bewegung.
Die Bedeutung des Lichtes ist in allen Sprachen eine Figur der schnellen
Bewegung, daher kommt bey den Schwäbischen Dichtern noch Schowe für Gestalt,
Aussehen, eigentlich Schein vor, welches letztere selbst hierher gehöret, indem
es so wie Sonne, Sol, Schemen, Schatten, schier u. s. f. sich nur in Endlaute
unterscheidet. Die Bedeutung des Scheinens, Leuchtens, gehet sehr leicht in die
Bedeutung des Sehens über, welches doch nichts anders ist, als das Scheinen
empfinden, und so bekommen wir unser sehen und dessen Oberdeutsches Intensivum
schauen, nebst dem Engl. Factitivo to shew, zeigen. Alle Zeitwörter, welche
eine schnelle Bewegung bedeuten, bezeichnen sie auch in engerm Verstande nach
verschiedenen Richtungen. So fern schauen auch diese Bewegung in die Tiefe,
oder in einem hohlen Raume bedeutet, stammet daher die Bedeutung eines
Behältnisses, Gefäßes, einer Bedeckung u. s. f. Daher das veraltete Schauer,
ein Becher, Schauer, ein bedeckter Ort, unser Scheuer oder Scheure, und mit
verschiedenen Endlauten Schaube, Schutz, Schaff, Schauffel u. s. f.
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1381-1382]