Miß-
, [
217-218] eine alte Partikel, welche nur
noch in der Zusammensetzung mit verschiedenen Nennwörtern, am häufigsten aber
mit Zeitwörtern üblich ist, wo sie verschiedene Bedeutungen hat. Sie bezeichnet
daselbst, 1. Eine Verschiedenheit, eine Mannigfaltigkeit, in welchem Verstande
sie nur noch in einigen wenigen Wörtern üblich ist; mißhällig, im Gegensatze
des einhällig, und mißfärbig, welches auch für bunt gefunden wird, Lat.
discolor. Bey dem Ulphilas missaleiks, verschieden, und im Isländ. misslett,
bunt, Misseldri, die Verschiedenheit des Alters, Missdaudi, das Absterben zu
verschiedenen Zeiten, u. a. m. (
S. Mißlich.) Es kommt darin mit dem Lateinisch. Partikel
dis- in dissonare, dissentire, disputare, Discordia, Discrepantia u. s. f.
überein, wo es auch in mehr thätigem Verstande eine Zertheilung bedeutet, wie
das Deutsche zer; dissecare, dissilire, disrumpere, dispescere u. s. f. Es ist
sehr wahrscheinlich, daß diese letztere thätige Bedeutung die erste eigentliche
ist, ungeachtet sie im Deutschen nicht mehr vorkommt, und daß folglich in
diesem Worte die Zertheilung, die Verstümmelung, Verletzung, der herrschende
Begriff ist, aus welchem sich die übrigen als Figuren sehr bequem herleiten
lassen. Miß würde also ein Geschlechtsverwandter von dem alten, meißen, meiden,
schneiden, seyn, (
S. Meißel, Messer, Metz-
ger u. s. f.) 2. In engerer Bedeutung, eine fehlerhafte,
unangenehme, widrige Mannigfaltigkeit. Mißlaut, mißlauten, mißton, mißtönen,
dissonare, Dissonantia, Mißfarbe, mißfärbig. 3. Eine Entfernung; doch nur noch
in figürlichem Verstande in den Zeitwörten mißrathen, abrathen, widerrathen,
dissuadere, und mißarten. 4. Einen Mangel, d. i. die Abwesenheit eines Dinges,
so wie Mangel selbst eigentlich eine Verstümmelung bedeutet. 1) Den Mangel, die
Abwesenheit derjenigen Sache, welche durch die andere Hälfte der
Zusammensetzung angedeutet wird. Mißtrauen, welches ehedem auch den Mangel des
Vertrauens bedeutete, jetzt aber nur in einer der folgenden Bedeutungen üblich
ist; mißkennen, nicht kennen, verkennen; mißbilligen, für unbillig erklären,
der Gegensatz von billigen; mißgönnen, Mißgunst. Dahin gehören auch die Lat.
dispar und dissimilis, ungleich. 2) In engerm Verstande, den Mangel eines zur
Vollständigkeit gehörigen Theiles. Das Mißgeschöpf, die Mißgeburt, dem es an
einem solchen Theile fehlet. 5. Einen Fehler, die Verfehlung des vorgesetzten
Zieles aus einem Versehen, und in weiterer Bedeutung einen Irrthum. Der
Mißgriff, Fehlgriff, mißgreifen, fehl greifen, mißgehen, irre gehen, fehl
gehen, mißschlagen, fehl schlagen, mißrechnen, sich verrechnen, mißtreten,
Mißtritt, und andere mehr. 6. Eine Fehlschlagung, der Erfolg wider die
Erwartung und Absicht. Mißlingen, mißglücken, mißschlagen, im Oberd. für
mißlingen. 7. Eine der vorgegebenen Beschaffenheit, der Wahrheit zuwider
laufende Handlung, für falsch. Mißfarben waren ehedem falsche, unechte Farben.
Für lügen sagte man ehedem auch mißsagen, und mißschwören kommt noch zuweilen
für falsch schwören, und Mißschwur für Meineid vor. Mißdeuten, Mißverstand. 8.
In noch weiterer Bedeutung, eine der Absicht, der Bestimmung, der Regel, den
Gesetzen zuwider laufende Handlung und Beschaffenheit, für übel, böse,
schlecht, schlimm; im Schwed. miss - und schon bey dem Ulphilas missa -. Eine
Mißgestalt, eine unangenehme, widrige, häßliche Gestalt. Das Mißverhältniß, ein
fehlerhaftes Verhältniß. So auch Mißbrauch, mißbrauchen, mißfallen, mißhandeln,
Missethat, mißleiten, Mißjahr, Mißwachs, Mißheirath, Mißstand, Übelstand,
Mißtrauen, mißleiten, Mißgeschick, mißarten, Mißmahl, im Nieders. eine
schlechte Mahlzeit, Mißgeboth, ein schlechtes, geringes Geboth, Mißmuth,
mißmüthig, Mißvergnügen u. s. f. 9. Im Schwedischen wird es auch gebraucht, den
Verstand solcher Wörter, welche einen Fehler bedeuten, zu vermehren, Intensiva
daraus zu bilden. Missdare ist daselbst ein Erznarr, Missbrott ein großes
Verbrechen. Ihre bemerket, daß die Lateiner auf ähnliche Artmale parvus, male
dispar, für sehr klein, sehr ungleich, gesagt haben. Aber auch dis hatte bey
ihnen in der Zusammensetzung eben diese oder doch eine fast ähnliche Bedeutung;
discoquere, discedere, disquirere u. s. f. Im Deutschen ist diese Bedeutung
nicht mehr üblich; indessen scheinet doch das veraltete Mißlahme, der Schlag,
die Apoplexie, dieselbe gehabt zu haben. Anm. 1. Aus dem obigen erhellet, daß
dieses Wort nicht, wie einige Sprachlehrer behaupten, nur allein Zeitwörtern,
Nennwörtern, aber nicht anders, als so fern sie von jenen abstammen,
vorgesetzet werde; dagegen un nur allein den Nennwörtern vorbehalten sey. Es
finden sich, wenn man die veralteten Wörter mit in Anschlag bringt, eben so
viele von Zeitwörtern unabhängige Nennwörter, mit welchen es zusammen gesetzet
worden, als Zeitwörter. Über dieß ist die Form dieses Wortes, indem es ehedem
so wohl ein Vor- als Nebenwort war, für beyde Arten von Wörtern bequem. Anm. 2.
Dieses im Hochdeutschen nur noch in der Zusammensetzung übliche Wort, hat in
den meisten Fällen den Ton, obgleich das i geschärft ist. Nur in einigen
Zeitwörtern wirft es den Ton [
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das Zeitwort, wie in mißrathen, mißlingen, mißfallen; oder vielmehr, diese
Zeitwörter haben einen doppelten Ton, wovon doch der stärkste auf dem Zeitworte
liegt, dagegen er in mißbilligen, mißbrauchen, mißleiten, mißdeuten u. s. f.
auf dem miß ruhet. Hat nun die Partikel den Hauptton, so sind die Zeitwörter
entweder Activa oder Neutra. Sind es Activa, so ist miß ein untrennbares
Vorwort, und das Augment ge wird der Partikel vorgesetzet. Ich mißbillige es.
Du mißdeutest es. Man hat es gemißbilliget. Du hast es gemißbrauchet. Wir
wurden gemißleitet. Man hat es sehr gemißdeutet. Ist das Verbum aber ein
Neutrum, so ist miß eine trennbare Partikel, welche das Augment zwischen sich
und dem Zeitworte nimmt. Mißgegangen. Diese Neutra sind aber im Hochdeutschen
im Präsenti und Imperfecto nicht üblich. Man sagt nicht, ich greife miß, wohl
aber ich habe mißgegriffen. Ruhet aber der Hauptton auf dem Zeitworte, so ist
miß eine untrennbare Partikel, und das Augment fällt ganz weg, das Zeitwort sey
ein Activum oder Neutrum. Es mißfällt mir, hat mir mißfallen. Es ist mir
mißlungen. Anm. 3. Es lassen sich mit diesem Worte auch noch jetzt neue
Zusammensetzungen versuchen, besonders in der 5ten und 8ten Bedeutung, welche
der höhern und edlern Schreibart sehr zu Statten kommen; nur muß dabey die
genaueste Analogie beobachtet werden. Anm. 4. Diese alte Partikel lautet in den
meisten der angeführten Fälle in den Zusammensetzungen schon bey dem Ulphilas
missa, bey dem Ottfried und spätern Oberd. Schriftstellern missi und misse,
welche Form noch in unserm Missethat üblich ist. Auch die gemeinen
Oberdeutschen Mundarten sprechen missegehen, missebrauchen u. s. f. Im
Niederdeutschen, Dänischen, Englischen und Italiänischen lautet sie mis, im
Schwedisch. miss, im Franz. mes und me, im mittlern Lat. mes, und im Lat. dis.
Es ist sehr wahrscheinlich, daß sie, wie schon gesagt worden, von meißen,
schneiden, abstammet, und eigentlich verstümmelt, figürlich aber auch
unvollständig, unvollkommen, unangenehm, widrig bedeutet; welche Begriffe sehr
natürlich daraus folgen, und diesem Worte mit Laster, Mahl, Makel, Mangel und
andern mehr gemein sind. Als ein Nebenwort ist miß im Nieders. auch noch außer
der Zusammensetzung üblich, wo es vergebens, zu spät, verfehlet, und ungewiß
bedeutet. Haben ist gewiß, kriegen ist miß, d. i. ungewiß, (
S. Mißlich.) Darin seyd ihr miß, darin irret ihr euch.
Auch im Engl. ist amiss übel, unrecht.
S. Missen. [
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