Das Licht
Das Licht,
[
2049-2050] des -es, plur. die -er,
Diminut. das Lichtchen, im Plural auch wohl Lichterchen, Oberd. Lichtlein; ein
Wort, welches so wohl die leuchtende Materie, als einen mit derselben begabten
Körper von bestimmter Gestalt bedeutet. 1. Die leuchtende Materie, die dadurch
verursachte Helle und die Eigenschaft mancher Körper, vermittelst der in ihnen
befindlichen Lichtmaterie zu leuchten, d. i. die umstehenden Körper sichtbar zu
machen, in allen diesen Fällen ohne Plural. 1) Eigentlich. (a) Überhaupt. Das
zuerst von Gott erschaffene Licht, lux primigenia. Die Sonne streuet das Licht
auf ihr ganzes Planeten-System aus. Die Geschwindigkeit des Lichts berechnen.
Die Lampe gibt ein stilleres Licht als die Talglichter. Der Mond hat ein
entlehntes Licht. Die Weber gebrauchen bey ihrer Arbeit ein helles Licht. Das
Licht und Recht in dem Brustschmucke des hohen Priesters, 2 Mos. 28, 30,
welches einige durch glänzende und echte Steine erklären. Der Ofen geht zu
Lichte, im Hüttenbaue, wenn er helle brennt. (b) In engerer Bedeutung. aa) Das
durch die Sonnenstrahlen bey Tage verursachte Licht. Ein Haus hat viel, hat
wenig Licht, wenn es gehörig hell in demselben ist oder nicht. Die Treppe hat
zu wenig Licht. Das Licht fällt durch das Fenster herein. Einem das Licht
verbauen. Etwas gegen das Licht halten. Wenn ich es bey dem Lichte besehe, auch
figürlich, wenn ich es genau untersuche. Auf eine ungewöhnliche Art heißt es
bey dem Opitz:
Wann daß man ihr Red und Thun zum Lichtern halt.
Jemanden im Lichte stehen, durch seinen Körper die
Lichtstrahlen aufhalten, im gemeinen Leben auch, ihm im Lichten stehen, da es
denn das vorige Beywort seyn würde. Sich selbst im Lichte stehen, figürlich,
seinen Vortheil selbst verhindern. Gehe mir aus dem Lichte, entferne dich,
damit die Lichtstrahlen ungehindert auf mich fallen können. Jemanden hinter das
Licht führen, figürlich, ihn hintergehen, betriegen. Zwischen zwey Lichten,
oder unter Lichts, im gemeinen Leben, in der Dämmerung. Mit anbrechendem
Lichte, Tage. Das Licht der Welt erblicken, geboren werden. Bey den Mahlern
stehet ein Gemählde in einem falschen Lichte, wenn das Licht, welches durch das
Fenster fällt, es nicht so beleuchtet, daß alle Theile desselben hinlänglich
gesehen werden. Daher sagt man auch figürlich, etwas in einem falschen Lichte
sehen, oder betrachten, nicht aus dem gehörigen Gesichtspuncte.
Und alles wird nunmehr im andern Licht gesehn, Wiel.
bb) In einigen Fällen wird hingegen das künstliche Licht
einer Lampe, eines Talglichtes u. s. f. nur schlechthin das Licht genannt. Bey
Lichte arbeiten, studieren. cc) Im gemeinen Leben wird der Schein des Mondes,
und der Mond selbst in Ansehung seines Scheines, sehr häufig das Licht genannt.
Das volle Licht, der Vollmond. Das neue Licht, das erste Viertel. Im
zunehmenden Lichte. Bey gutem Lichte Holz fällen, in einem guten Mondsviertel.
2) Figürlich. (a) Im Gegensatze der Dunkelheit oder Verborgenheit. Etwas aus
Licht bringen, es bekannt machen, da es vorher verborgen war. Das Licht
scheuen, sich scheuen bekannt zu werden. Eine des Lichtes unwürdige
Schmähschrift, der Bekanntmachung. Wer arges thut, der hasset das Licht, Joh.
3, 20. (b) Deutliche, klare Erkenntniß. Ich muß mehr Licht in der Sache haben.
Einem in einer Sache Licht geben. Licht bekommen. Jetzt gehet mir ein Licht in
der Sache auf, jetzt bekomme ich einen deutlichen oder klaren Begriff von
derselben. Daher in der Bibel die heilsame Erkenntniß göttlicher Wahrheiten so
oft ein Licht genannt wird. Das Licht des Verstandes, dessen Eigenschaft oder
Fähigkeit, uns deutliche Begriffe zu gewähren. Der Verstand führt uns sehl und
verlaßt uns zu eben der Zeit, wo wir seines Lichtes am meisten bedurfen, Gell.
(c) Das Licht des Lebens, das Lebenslicht, das Leben, die Lebenskraft; eine den
Dichtern der vorigen Zeiten sehr gewöhnliche Figur. Einem das Lebenslicht
ausblasen, ihn umbringen. (d) Das Licht ist schon von den ältesten Zeiten her
das Bild der Gottheit, besonders in den Morgenländern; daher Gott auch in der
Bibel so oft ein Licht genannt wird, besonders wegen seiner vollkommen Einsicht
aller Dinge. 2. Ein mit Licht, d. i. leuchtender Materie, Lichtmaterie,
begabter Körper. 1) Eigentlich. (a) Überhaupt, wo ein jeder Körper, welcher die
umstehenden Dinge sichtbar macht, und so fern er dazu geschickt ist, ein Licht
genannt wird. Gott machte zwey große Lichter, ein groß Licht, das den Tag
regiere, und ein klein Licht, das die Nacht regiere, dazu auch die Sterne, 1
Mos. 1, 16. Die Lichter des Himmels, die leuchtenden Weltkörper. Ein Windlicht,
eine Windfackel. Das [
2051-2052] Irrlicht. (b) In engerer
Bedeutung, eine kleine aus Unschlitt, Wachs oder einem ähnlichen festen fetten
Körper bereitete und mit einem Dochte versehene gerade Fackel. Ein Talglicht,
oder Unschlittlicht, zum Unterschiede von einem Wachslichte. In noch engerer
und gewöhnlicherer Bedeutung führen die Talglichter nur schlechthin den Nahmen
der Lichter, zum Unterschiede von den Wachslichtern, welche in vielen Gegenden
nur allein Kerzen genannt werden. (
S. dieses Wort.) Lichter ziehen, gießen. Gegossene
Lichter, zum Unterschiede von den gezogenen. Das Licht anzünden, putzen,
auslöschen. Das Licht auf den Tisch setzen. Einen das Licht zu etwas halten,
auch figürlich, ihm in einer bösen Sache hulfliche Hand leisten. Dem Teufel muß
man zwey Lichter anbrennen, ein unter dem großen Haufen üblicher Grundsatz,
welcher ein Überrest eines alten Aberglaubens bey den Leichen der Verstorbenen
ist. Ein Pfund Lichter. Die Violine schweigt, es stirbt der Lichter Glanz,
Zachar. 2) Figürlich. (a) Bey den Jägern werden die Augen des Hirsches so wohl
die Lichter als die Seher genannt. Bey den Dichtern der vorigen Zeiten war es
sehr gewöhnlich, die Augen, besonders ihrer Schönen, Lichter zu nennen. (b) Die
weiße Ader, woran das Herz und Geränsch hängt; wird so wohl im gemeinen Leben
als bey den Jägern die Lichtader, und das Licht schlechthin genannt;
vermuthlich wegen ihrer weißen Farbe. (c) Bey den Mahlern heißen die heller
gemahlten Theile eines Gemähldes die Lichter, zum Unterschiede von den
Schatten. (d) Bey vielen, besonders bey den Dichtern, ist es ein
Liebkosungswort, eine geliebte Person damit anzureden; wo es doch nur allein im
Singular üblich ist. (e) Alles wodurch wir eine deutliche oder klare
Vorstellung bekommen, wird oft ein Licht genannt; gleichfalls nur im Singular
allein. Daher man, (f) auch Personen, welchen eine Art von Wahrheiten viele
deutliche oder klare Begriffe zu danken hat, Lichter zu nennen pflegt. Ein
Licht der Kirche. Ihr Lichter dieser Welt, Gryph. Newton und Leibnitz, diese
Lichter des menschlichen Geschlechtes. Anm. 1. So fern dieses Wort die
Lichtmaterie, oder leuchtende Eigenschaft eines Dinges bedeutet, hat es keinen
Plural. Wenn es aber einen bestimmten mit Lichtmaterie begabten Körper
bedeutet, lautet es im Hochdeutschen überhaupt ohne Ausnahme die Lichter. Nur
in der zweyten eigentlichen Bedeutung eines solchen leuchtenden Körpers haben
einige neuere Sprachlehrer Zweifel zu erregen gesucht, und behauptet, das Wort
Licht habe im Plural Lichter, so oft es ein brennendes Licht von Talg oder
Wachs bedeutet, Lichte aber, wenn es nicht als brennend vorgestellet werde.
Daher sage man richtig, die Lichter putzen, und Lichte ziehen oder gießen, ein
Pfund Lichte u. s. f. Allein ein solcher Unterschied zwischen einem zu einem
gewissen Gebrauche bestimmten, und wirklich gebrauchten Körper ist wohl bey
keinem Worte in der ganzen Sprache anzutreffen, und über dieß ohne allen
begreiflichen Nutzen. Dieß allein hätte diese Herren schon von der
Unrichtigkeit ihrer Regel überführen können. Vermuthlich sind sie dadurch irre
geworden, daß in manchen Gegenden, wo sich die Sprache der Oberdeutschen
Mundart nähert, der Plural nach Oberdeutscher Mundart, welche die meisten
Hochdeutschen Plurale in er auf e macht, (
S. 4. -Er,) wirklich Lichte lautet. Aber alsdann lautet
es so, die Lichter mögen brennen oder nicht, und in manchen Gegenden, selbst in
Meißen, höret man beyde Arten des Plurals ohne Unterschied gebrauchen; woraus
aber weiter nichts folgt, als daß in solchen Gegenden beyde Mundarten vermischt
sind. Wenn wollte man fertig werden, wenn man aus allen solchen Vermischungen
Regeln machen wollte? [
2051-2052] Anm. 2. Dieses Wort
lautet im Isidor und Kero Lecht, bey dem Ottfried und im Tatian Licht, im
Nieders. Lucht, und wenn es ein Talg oder Wachslicht bedeutet, Lecht, im
Angels. Lecht, im Engl. Light, bey dem Ulphilas Ljuhath, im Wallis. Llug.
Andere Sprachen stoßen den Hauchlaut ganz aus, wie das Lettische Luti, und noch
andere lassen dieses t in den verwandten Zischer übergehen, wie das Dän. Lius,
Lys, Schwed. Ljus und Isländ. Lios. Das Lat. Lux hat so wohl den Hauch- als
Zischlaut. Es ist ein sehr altes Wort, welches mit dem Zeitworte leuchten zu
dem großen Geschlechte der Wörter Blitz, Glanz, gleißen, bleich, blaß, blinken,
bloß, Lohe, Blick, lugen, sehen, und hundert anderer gehöret, wohin auch die
Lat. lucere, diluculum der zweyten Sylbe nach, das Griech. -
hier
nichtlateinischer Text, siehe Image - , bleich, -
hier
nichtlateinischer Text, siehe Image - , lucerna, -
hier
nichtlateinischer Text, siehe Image - , die Morgendämmerung, u. a. m. zu
rechnen sind. [
2051-2052]