Der Wurm
, [
1629-1630] des -es, plur. die Würmer,
Oberd. und in den höhern Schreibart, die Würme, Diminut. das Würmchen, Oberd.
Würmlein. 1. Eigentlich, ein kriechendes Insect ohne merkliche Füße, in welchem
Verstande dieses Wort eine allgemeine Benennung aller derjenigen Insecten ist,
welche sich ohne merkliche Füße auf dem Bauche fortbewegen, z. B. der Maden,
Regenwürmer, Seidenwürmer, Spulwürmer, Schlangen u. s. f. (a) Im eigentlichsten
Verstande. Sich krümmen wie ein Wurm. Von den Würmern verzehret werden. Auch
das friedlichste Würmchen beißt, wenn man es treten will, Sonnenf. (b) In
engerer Bedeutung nennt man oft manche besondere Arten nur schlechthin Würmer,
wohin besonders die Würmer im menschlichen Leibe, der Spuhlwurm, Fadenwurm,
Bandwurm, Madenwurm, u. s. f. gehören. Auch die Schlangen und manche Arten
derselben heißen im gemeinen Leben oft nur Würmer. (c) In weiterm Verstande
werden oft auch manche andere Arten von Insecten, besonders manche Käferarten,
im gemeinen Leben Würmer genannt; z. B. der Johannis-Käfer, welcher auch
Johannis-Wurm heißt; der Rindenkäfer, Dermestes Piniperda L. ingleichen der
Kornwurm, welcher oft auch eine Käferart ist, u. s. f. (b) Kinder, im
mitleidigen Verstande. Die armen Würmer. 2. Im figürlichen Verstande. (a) Eine
Krankheit, welche von Würmern herrühret, oder doch herrühren soll, wird oft im
Singular der Wurm genannt. So ist der Wurm eine Krankheit der Bäume, wenn sie
von dem Rindenkäfer verderbet werden. Der Wurm, von welchem die Hunde toll
werden sollen, daher man ihnen denselben zu nehmen oder zu schneiden pflegt,
ist eigentlich kein Wurm, sondern eine Nerve, welcher die Zunge mit dem untern
Gaumen verbindet. Der Wurm der Pferde, Franz. Farcin, ist eine Schärfe der
Säfte, welche sich durch kleine braunrothe Beulen an verschiedenen Theilen
äußert, und ein Vorbothe des Rotzes ist. Von ähnlicher Art ist der Wurm des
Rindviehes, welcher sich in den Lederwurm und Knochenwurm theilet, (
S. diese Wörter.) Der Wurm am Finger, Lat. Paronychia,
Panaritium, ist ein schmerzhafter Zufall an den äußern Theilen der Finger,
welcher von einer stockenden Feuchtigkeit herrühret; Nieders. Fick, Aal,
Dauworm. Der fressende Wurm, Lat. Herpes, ist ein um sich fressendes Geschwür
in der äußern Haut. In allen diesen Fällen wird es nur im Singular allein
gebraucht. (b) Im moralischen Verstande sagt man, ein Mensch habe einen Wurm,
oder er habe Würmer im Kopfe, wenn er sich von verworrenen Vorstellungen zum
Nachtheile deutlicher bestimmen lässet, thöricht, unverständig handeln, wofür
man in einigen Gegenden auch sagt, ein Schwarm, einen Schuß haben.
Ein Spötter kitzle sich, ich gönn' ihm seinen Wurm, Günth.
Da man denn nach einer noch weitern Figur auch wohl einen
solchen Menschen einen Wurm zu nennen pflegt. In einem andern Verstande ist der
Wurm ein nagender Kummer. Ich sehe, daß in ihrem Herzen ein geheimer Wurm
naget, Weiße. Noch lebt der Wurm, der meine Seele durchnagt, eben ders. Der
Trope ist eigentlich biblischen Ursprunges, scheint aber nicht edel genug, weil
sich immer der Nebenbegriff der vorigen Bedeutung mit einmischet. (c) Bey den
Buchdrucken ist, der Wurm die kurze Anzeige des Titels, und bey den Werken, die
aus mehrern Theilen bestehen, auch des 1sten, 2ten u. s. f. Theiles unten auf
jeder ersten Seite eines Bogens; vielleicht verderbt aus Norm. Anm. 1. Die
Plural Würme und Würmer sind bloß der Mundart nach verschieden, indem jener der
Oberdeutschen, dieser aber der Hoch- und Niederdeutschen geläufiger ist. Opitz,
Bluntschli und andere Oberdeutsche Schriftsteller haben beständig Würme. Daher
man irret, wenn man den Unterschied des Plurals auf einen Unterschied in der
Bedeutung gründen will. Da die höhere Schreibart der Deutschen in hundert
andern ähnlichen Fällen ihre Form gern aus der Oberdeutschen Mundart entlehnet,
wenn sie mehr Kürze und Würde haben, so gebraucht sie auch zuweilen den Plural
Würme, ohne Unterschied der Bedeutung, wobey sie doch wohl nicht leicht
Gelegenheit haben wird, der Würmer im menschlichen Leibe zu gedenken. Anm. 2
Schon bei Ulphilas Warrm, bey dem Notker Wurm, bey beyden von einer Schlange,
im Nieders. und Engl. Worm, im Dän. und Schwed. Orm, im Lat. Vermis. Es ist
eine Nachahmung des schwachen verworrenen Lautes, welchen eine Menge Würmer in
der Bewegung machen,
S. Wurmen. [
1631-1632]