Vermessen
, [
1091-1092] verb. irreg. act. (
S. Messen,) welches nach Maßgebung beyder Theile der
Zusammensetzung in verschiedenen Bedeutungen üblich ist. 1. Von messen, so fern
es eigentlich bedeutet, das körperliche Maß der Dinge bestimmen, ist vermessen:
(1) Das Maß eines Dinges bestimmen, wo ver eine Intension bezeichnet, und das
Zeitwort nur im engern Verstande von der Ausmessung gewisser Theile der
Erdfläche gebraucht wird. Ein Feld vermessen. Im Bergbaue werden die Fundgruben
und Maßen vermessen, wenn am Tage, d. i. auf der Oberfläche der Erde, nach dem
Lachtermaße bestimmt wird, wie weit sich selbige erstrecken. Ein Vermessen
vornehmen. Das Feld einem andern vermessen, noch dem Maße zutheilen. Daher das
Vermeßbuch, worein alles, wobey dem Vermessen vorgegangen, eingetragen wird;
das Vermeßgeld, welches die Gewerken für das Vermessen bezahlen; die
Vermeßmahlzeit, welche bey dem Erbbereiten und dem damit verbundenen Vermessen
den Bergbeamten gegeben wird. Daher das Vermessen und die Vermessung. (2) Sich
bey dem Messen oder im Maße irren, wo ver einen Irrthum, eine Abweichung von
dem Wahren bezeichnet. Es wird in diesem Falle von allen Arten der Maße
gebraucht. Der Kramer vermißt sich, der Schneider hat sich vermessen. Bey dem
Aufmessen des Getreides kann man sich leicht vermessen. Daher das Vermessen. 2.
Von messen, so fern es nach einer veralteten Bedeutung sprechen bedeutet, wohin
das Angels. Mot, die Rede, Sprache, wädan, sprechen, messen in beymessen,
vielleicht auch in gemessen u. s. f. gehören. (1) * Sich vermessen, feyerlich
versprechen, eine veraltete Bedeutung, von welcher Frisch ein Beyspiel
anführet. (2) In figürlichem Verstande sagt man noch, sich vermessen, hoch
betheuern. Sich vermessen und verschwören. Einen Menschen, der sich so vermißt,
ist nicht leicht zu glauben. In beyden Fällen hat ver eine intensive Bedeutung.
(3) Sich rühmen. a) * Eigentlich, eine gleichfalls veraltete Bedeutung, in
welcher ver gleichfalls eine Intension zu bezeichnen scheinet. Sie kommt noch
bey den Schwäbischen Dichtern vor. Des ich mih an si niht vermessen mag, Kaiser
Heinrich. b) In engerer und noch gang- barer Bedeutung ist sich vermessen, mehr
von sich rühmen, mehr zu leisten versprechen, als bey jemandes Kräften und
Fähigkeiten möglich ist; wo ver zugleich die Bedeutung des Irrthumes, der
Überschreitung des wahren Maßes hat. Die sich selbst vermaßen, daß sie fromm
wären, Luc. 18, 9. Du vermissest dich, zu seyn ein Leiter der Blinden, Röm. 2,
19. Die sich den Himmel anzutasten vermessen, Opitz.
Doch er hat sich vermessen, Dich und dieß ganze Haus auf ewig
zu vergessen, Zach.
In weiterm Verstande ist sich vermessen, zu viel unternehmen,
etwas unternehmen, was über jemandes Kräfte ist. Es ist besser, daß einer
seines Thuns warte, dabey er gedeyet, denn sich viel vermesse, und dabey ein
Bettler bleibe, Sir. 10, 30. Obwohl der Phaeton sich allzuhoch vermessen,
Opitz. Es wird in dieser Bedeutung wenig mehr gebraucht; doch ist davon. Das
Mittelwort vermessen noch völlig gangbar, welches mit verwegen gleichbedeutend
ist, aber doch einen höhern Grad des Verwegenen mit Übertretung seiner Pflicht,
zu bezeichnen scheinet, auf eine strafbare Art verwegen. Ein vermessener
Mensch, der im hohen Grade verwegen ist, das Maß seiner Kräfte in seinen
Unternehmungen im hohen Grade überschreitet. Ein vermessener Anschlag. Ihr
wurdet ungehorsam dem Munde des Herren, und waret vermessen, und zoget hinauf,
5 Mos. 1, 43. Wo jemand vermessen handeln würde, daß er dem Priester nicht
gehorchte, 5 Mos. 17, 12. Der stolz und vermessen ist, heißt ein loser Mensch,
Sprichw. 21, 24. Wenn ein Prophet vermessen ist, zu reden in meinem Nahmen, das
ich ihm nicht gebothen habe zu reden, 5 Mos. 18, 20. Man ist also vermessen, 1
überhaupt, wenn man weit mehr unternimmt, als das augenscheinliche Maß seiner
Kräfte verstattet; und 2, wenn man vorsetzlich mehr unternimmt, als das Gesetz
verstattet, durch dreiste Übertretung des Gesetzes, Widersetzung gegen seine
Obern u. s. f.
S. Vermessenheit. In beyden Fällen wurde es ehedem auch
in weiterer und guter, oder wenigstens gleichgültiger Bedeutung gebraucht. Im
ersten Falle war vermessen ehedem auch kühn, tapfer. Der vermessene König
Rudolph, der tapfere, ein vermessener Held; welche Ausdrücke bey den
Schriftstellern der mittlern Zeiten häufig vorkommen. Im zweyten Falle ist sich
wider jemanden vermessen, in dem alten Gedichte auf den heil. Anno, und andern
alten Schriftstellern, so viel, als sich ihm widersetzen. In diesem ganzen
zweyten Verstande durchkreuzen sich die Bedeutungen so sehr, daß es schwer zu
entscheiden ist, welche die eigentliche ist, von welcher die andern als Figuren
angesehen werden müßten. 3. * Von messen, so fern es ehedem auch urtheilen
bedeutete, welche Bedeutung noch in ermessen herrscht. Soll ich fridlich Herz
wurd in im ein Zagheit gemessen, für Zagheit gehalten, ausgelegt, in einer
alten Übersetzung des Livius von 1514. Bey den Schwäbischen Dichtern kommt es
häufig für, sich in Gedanken vorstellen, vor. Da sie an dem morgen mines todes
sick vermas, Heinr. von Morunge. Im Hochdeutschen ist es in diesem Verstande
veraltet. Das Hauptwort die Vermessung ist nur in den beyden eigentlichen
Bedeutungen von messen, metiri, üblich. [
1093-1094]