Schmeicheln
, [
1561-1562] verb. reg. neutr. mit dem
Hülfsworte haben, welches die dritte Endung der Person erfordert. 1.
Eigentlich, sich vor jemanden schmiegen, um ihm liebzukosen, in welcher
Bedeutung es so wie die Lateinischen adulari und cevere, welches letztere
Persius gleichfalls für schmeicheln gebraucht, eigentlich den Hunden zukommt,
wenn sie auf solche Art durch Schmiegen und Wedeln liebkosen. Der Hund
schmeichelt seinem Herren. In weiterer Bedeutung gebraucht man es noch sehr
häufig für liebkosen, besonders so fern es mit Streicheln und Lächeln verbunden
ist. Das Kind schmeichelt seiner Mutter, die Mutter dem Kinde. Da es denn auch
von einem mit Schmeicheln und Liebkosen begleiteten Bitten, ja von einer jeden
übertriebenen Freundlichkeit gebraucht wird. Schmeicheln können. 2. Figürlich.
1) Angenehme Empfindungen und Vorstellungen erwecken; doch nur von den
Empfindungen nur selten.
O, wie lieblich schmeichelst du Unsern Seelen, Weiße.
Am häufigsten, eine angenehme, obgleich noch ungewisse
Hoffnung erregen und unterhalten. Sich mit der Hoffnung schmeicheln. Schmeichle
dir nicht mit einer Hoffnung, die leicht fehl schlagen kann, Weiße. Das
Hauptwort Hoffnung läßt sich hier nicht ohne merkliche Härte verschweigen ob es
gleich sehr häufig geschiehet. Ich schmeichelte mir, daß er kommen würde. Man
schmeichelt sich meistens vergebens, den Wissenschaften außer der Ehe besser zu
leben, Gell. Allenfalls läßt sich diese Verheißung entschuldigen, wenn das
Zeitwort absolute stehet. Ich hoffete - doch ich schmeichelte mir vergebens. Im
Oberdeutschen gebraucht man es hier auch mit der zweyten Endung. Wir können uns
einer erwünschten Auskunft der bevor stehenden Unterhandlungen schmeicheln: wo
der Genitiv von dem aufge- lassenen Hauptworte Hoffnung herrühret. 2) Jemanden
mit Vorsatz und um dessen Gunst zu gewinnen ungegründete Vorzüge beylegen.
Vortrefflich schmeicheln können. Der Arzt schmeichelt dem Kranken, wenn er
dessen Zustand vortheilhafter schildert als er ist, der Mahler dem, welchen er
mahlet, wenn er die Fehler verbirget, oder ihn schöner mahlt, als er ist, der
Hofmann dem Fürsten, wenn er ihm Vorzüge beyleget, die er nicht besitzet. Ein
Prediger, Arzt und Mahler müssen nicht schmeicheln. Sie schmeichelten ihm und
sagten, er habe vollkommen Recht. So auch das Schmeicheln. Anm. 1. Oft
gebraucht man dieses Zeitwort in der passiven Form. Bin ich nicht
geschmeichelt? fragt man wohl, wenn man sich hat mahlen lassen. Allein da
dieses Zeitwort ein Neutrum ist, so ist solches unrichtig. Über dieß kann die
erste Endung im Passivo nur alsdann Statt finden, wenn das Activum die vierte
Endung erfordert. Da nun schmeicheln die dritte zu sich nimmt, so müßte man,
wenn es auch ein Passivum litte, sagen: ist mir nicht geschmeichelt worden?
Anm. 2. Die Endsylbe -eln zeiget schon, daß dieses Wort ein Intensivum oder
Diminutivum ist. Das im Hochdeutschen veraltete Stammwort schmeichen kommt
statt desselben bey dem Hornegk und den Schwäbischen Dichtern in allen
Bedeutungen unsers Schmeicheln vor, und bey dem Willeram sind Smeiche
Schmeicheleyen. Die Holländer und Niedersachsen sagen gleichfalls smeken, die
Schweden smeka, die Dänen aber nach einer andern intensiven Form smigre.
Wachter leitete es von dem Griech. -
hier nichtlateinischer Text, siehe
Image - , sanft, gelinde, ab, Ihre aber läßt es von sma, klein, (siehe
Schmächtig) abstammen. Frisch war auf den sonderbaren Einfall gerathen, daß es
wohl von Schmauch abstammen und so viel bedeuten könne, als jemanden einen
wohlriechenden Rauch zuwehen, ihm räuchern, wobey er sich auf das Franz.
flatter berief, welches auch so viel bedeuten sollte, als jemanden einen
angenehmen Hauch zublasen. Gottsched ergriff diese Ableitung bloß, weil sie neu
war, und wollte ihr zu Folge das Wort schmäucheln geschrieben wissen. Vergebens
stellte man ihm vor, diese Neuerung sey so wohl der Aussprache als dem ganzen
langen Gebrauche entgegen, die Gewohnheit des Räucherns aus Ehrerbiethung sey
bey den Abendländern nie üblich gewesen, am wenigstens bey den Deutschen,
Schmauch bedeute keinen angenehmen, sondern allemahl einen dicken,
beschwerlichen Rauch, und jemanden schmäuchen oder schmäucheln würde allenfalls
gerade das Gegentheil von schmeicheln beweisen, über dieß gebe es weit nähere
und wahrscheinlichere Ableitungen. Allein der Widerspruch machte ihn, wie in
andern Fällen, so auch hier nur hitziger; das was er aus Unbedachtsamkeit
angenommen hatte, wurde nunmehr aus Eigensinn vertheidiget, und das Schmäucheln
wurde und blieb das Schiboleth der ganzen Gottschedischen Schule. Indessen
hatten doch schon Stieler und Steinbach die bessere und wahrscheinlichere
Abstammung von schmiegen eingesehen, wozu denn ohne Zischlaut freylich auch
Wachters -
hier nichtlateinischer Text, siehe Image - und das
veraltete mieg, sanft, gelinde, (
S. Gemach,) obgleich auf eine entferntere Art, gehören,
so wie man auch das Griech. -
hier nichtlateinischer Text, siehe
Image - , streicheln, dahin rechnen kann. Siehe das gleich folgende
Schmeichen. Schmeicheln bedeutet allem Ansehen nach sich liebkosend vor
jemanden schmiegen und winden, freylich zunächst von den Hunden und Sclaven,
aber hernach auch, wie adulari, von anständigern Arten der Liebkosung. Indessen
hat man noch ein anderes Wort, welches hier mit in Betrachtung kommen kann, ob
es gleich mit schmiegen nur eine zufällige Gleichheit des Lautes hat, und
dieses ist das Wendische und Slavonische Schmeich, das Lächeln, smiecham, ich
lächle, wohin auch das veraltete Oberdeutsche smielen, lächeln, Engl. to smile,
gehöret, welches das Diminutivum oder Intensivum davon ist, wo
[
1563-1564] nur der Hauchlaut verbissen worden. Es gibt
mehrere Fälle, wo zwey Begriffe zweyer gleichlautender, ob wohl sonst
verschiedener Wörter in den spätern Zeiten mit einander verbunden worden.
Indessen beweisen doch die gleichbedeutenden Wörtern schmeicheln, daß in diesem
vornehmlich auf das Schmiegen und Streicheln gesehen worden. Kero gebraucht für
schmeicheln flehan, welches, wie schon bey Flehen bemerket worden, gleichfalls
sich vor jemanden krümmen und winden bedeutet, und wovon flechten ein
Intensivum ist. Die Niedersachsen sagen noch jetzt fleyen, floyen, fleystraken,
eigentlich schmiegend streicheln, die Engländer to wheedle, eigentlich wedeln,
und die Schweden intensive fleckra, welches bey ihnen zunächst auch von den
Hunden üblich ist. Das heutige Franz. flatter ist ohne Zweifel ein Intensivum
nach einer andern Form davon, so daß man dabey weder an flare noch an flatus
denken muß. Als gleichbedeutend mit schmeicheln ist im Niederdeutschen auch
strieken, streicheln, üblich, und im Oberd. sagte man hähl streicheln, von
hähl, glatt, gleichsam den Fuchsschwanz streicheln. Hornegk gebraucht slegen,
Notker slechsprechen, (vermuthlich wie das vorige, von schlecht, eben, glatt,)
der mittlere Lat. foculare, (von fackeln, auch mit dem Begriffe der Bewegung,)
Hornegk losen, der Niedersachse liesken, Opitz zulieben, alle in der Bedeutung
des Schmeichelns, anderer Ausdrücke zu geschweigen.
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1563-1564]