Scheren
, [
1421-1422] verb. irreg. act. et neutr.
welches im letztern Falle das Hülfswort haben bekommt; ich schere, du scherest,
vulg. schierst, er scheret, vulg. schiert; Imperf. ich schor, Conj. ich schöre;
Mittelw. geschoren; Imperat. schere, vulg. schier. Es ist in vielen dem
Anscheine nach sehr verschiedenen Bedeutungen üblich, welche doch insgesammt
darin überein kommen, daß sie Handlungen bezeichnen, welche ursprünglich mit
einem und eben demselben Laute oder Schalle begleitet waren. Das Stammwort,
oder vielmehr der Stammlaut ist wie bey allen Wörtern eine Interjection, hier
aber der Laut schar oder scher, woraus vermittelst der gewöhnlichen Endsylben
der Zeiten und Personen das Zeitwort scheren gebildet ist. Bey 1 Schar ist
bereits das nöthigste von den mancherley Bedeutungen dieses Wortes und ihrer
Verbindung unter sich gesagt worden, daher ich hier desto kürzer seyn, und nur
dasjenige anführen darf, was das Zeitwort unmittelbar betrifft. Scheren ist
eine unmittelbare Nachahmung eines gewissen Lautes, daher es ehedem auch von
der Stimme, Sprache und ihren Arten gebraucht wurde. Bey dem Notker ist
Sceronne das Geschrey, Jubelgeschrey. Der Lat. Sermo, serere in asserere,
disserere u. s. f. ist nebst andern schon bey 1 Schar gedacht worden. Allein es
bezeichnet noch verschiedene andere mit einem ähnlichen Schalle verbundene
Handlungen, welche wieder allerley Unterabtheilungen in Ansehung ihrer
Geschwindigkeit, Heftigkeit, Leichtigkeit, Richtung u. s. f. leiden. 1. Den Ort
schnell verändern; in welcher Bedeutung es im Niederdeutschen ein Neutrum ist.
Der Schuldiger scheret, ein Niederdeutsches Sprichwort, wer fliehet, gibt sich
schuldig. Im Hochdeutschen ist es hier nur als ein Reciprocum üblich, wo es
aber auch nur in den gemeinen und niedrigen Sprecharten gebraucht wird. Scher
dich weg, mache dich fort. So auch scher dich her. Kannst du dich nicht hinaus
scheren? Wirst du dich bald hinein scheren? Scher dich aus dem Wege! Ich will
mich fortscheren. Warum schorest du dich nicht hin? Obgleich die übrigen Zeiten
und Arten außer dem Infinitiv und Imperativ seltener vorkommen. In einigen
Gegenden gebraucht man es auch in der thätigen Gattung für jagen. Jemanden
hinaus scheren, hinaus jagen; Engl. to scare. In den Hochdeutschen gemeinen
Sprecharten gebraucht man dafür das Intensivum scherchen und schürchen. Die
Niederdeutsche Mundart gebraucht dieses Wort noch in einem weitern Umfange. Die
Wolken scheren daselbst, wenn die untern Wolken schneller fortziehen, als die
obern, wo aber auch die folgende Bedeutung des Theilens Statt findest.
Hefenscher sind daselbst einzelne schnell laufende Wolken, welche die Sonne
eine Zeit lang verdunkeln, wo sich aber auch der Begriff des Schauers, der
Verdunkelung, Verdeckung annehmen läßt. Eben daselbst bedeutet es auch, sich
schwebend hin und her bewegen. Die Störche scheren, wenn sie langsam in der
Luft hin und her ziehen. Daher wird auch eine Art Meven, welche einen
schwebenden Flug hat, daselbst Scherke genannt. Auf Schlittschuhen nach beyden
Seiten in halben Zirkeln ausschweifen, heißt gleichfalls scheren, und auch im
Engl. ist to sheer seitwärts streichen, von Schiffen. Frisch und Wachter sehen
diese ganze Bedeutung als eine Figur der folgenden den Bedeutung der Theilung
an; allein es ist hier ohne Zweifel eine unmittelbare Onomatopöie und allem
Ansehen nach eine der ersten und ältesten Bedeutungen dieses Wortes. Unser
schier, so fern es hurtig bedeutet, ist nahe damit verwandt, und ohne Zischlaut
gehören auch das Hebr. -
hier nichtlateinischer Text, siehe Image -
und -
hier nichtlateinischer Text, siehe Image - , wandern, reisen, das
Griech. -
hier nichtlateinischer Text, siehe Image - reisen,
vielleicht auch das Lat. intensive currere und unser hurtig dahin. 2. Heftig
und schnell bewegen; eine im Ganzen veraltete Bedeutung, welche aber doch noch
einige Überbleibsel zurück gelassen hat. 1) * Als ein Neutrum, lustige,
spaßhafte Bewegungen machen, und im weitern Verstande scherzen; eine veraltete
Bedeutung. Im Österreichischen ist pakschierig noch possierlich. Kero übersetzt
Scurrilitas durch Skerin, Skeru, im Engl. ist to jeer scherzen, spotten. Das
Lat. Scurra und unser Scherz und Schurk gehören allem Ansehen nach auch zu
dieser Verwandtschaft. 2) Als ein Activum. (a) Jemanden scheren, im gemeinen
Leben, ihn schrauben, aufziehen. Mancher will geschoren seyn.
Und wer nicht schiert, der wird geschoren, So bald er nur den
Rücken dreht, Günth.
Frisch und Wachter sehen diese Bedeutung sehr
unwahrscheinlich als eine Figur von scheren, tondere, an, weil die Abscherung
der Haare ehedem eine verächtliche Strafe war. Im Engl. ist Scorn und im Ital.
Scherno Verspottung. (b) Jemanden scheren, ihn ohne Noth und Nutzen, gleichsam
nur zur Lust plagen und beunruhigen; auch nur in den gemeinen Sprecharten,
eigentlich auch, ihn zur Lust gewaltsam hin und her stoßen, wenn es hier nicht
vielmehr durch den harten Zischlaut aus sehr und sehren in versehren gebildet
ist. Die Unterthanen scheren, sie plagen, drücken. Laß mich damit ungeschoren,
ungeplagt. Ich bin mit ihm geschoren, geplaget. Ingleichen in weiterm
Verstande. Das schert (im gemeinen Leben schiert) mich nichts, das bekümmert
mich nicht. Was schiert das dich? was bekümmert das dich? Sich um etwas
scheren, bekümmern. Alle nur in den niedrigen Sprecharten. Die Schererey ist
daselbst eine Sache, welche uns unnöthige verdrießliche Mühe macht. Der
ehemahligen Schoristen auf den Universitäten, welche die neu ankommenden zu
plagen sich berechtigt hielten, gedenkt Frisch. In den gemeinen Sprecharten hat
man in dieser und der vorigen Bedeutung das Iterativum schurigeln,
S. dasselbe. 3. Reißen, schneiden, spalten, theilen u.
s. f. eine gleichfalls sehr alte Bedeutung, zu welcher Scharte, Scherbe,
Scherf, Sarter, Zerter, zerren, scharf, schürfen, das Lat. Serra, das Schwed.
skära, hauen, schneiden, das alte Franz. scirer, in dem heutigen dechirer, und
ohne Zischlaut kerben, der Gehren das Griech. -
hier nichtlateinischer
Text, siehe Image - , das Heb. -
hier nichtlateinischer Text, siehe
Image - u. a. m. gehören. Überhaupt findet man es von allen Arten des
Theilens, Schneidens, Verletzens u. s. f. bey welchen ein diesem Worte
angemessener Laut gedacht werden kann. (
S. Schere.) Im Deutschen kommt es besonders in folgenden
Fällen vor. 1) * Essen und fressen, als ein Neutrum; doch nur in einigen
Niederdeutschen Gegenden z. B. in Dithmarsen. Wacker scheren können, wacker
essen. Das Vieh schert die Wiese, wenn es selbige kahl frißt. 2) Mähen, in der
Landwirthschaft einiger Gegenden, besonders von dem Abmähen des Grases. Daher
sind in einigen Gegenden einschürige, zweyschürige Wiesen, welche des Jahres
Ein Mahl oder zwey Mahl gemähet werden können. Im Schwed. ist skära gleichfalls
mähen, Skära die Sichel, und Skörd die Ernte. 3) Mit einem Messer horizontal
über eine Fläche wegfahren, um die hervorstehenden Haare, Wolle u. s. f.
wegzunehmen; wo die Onomatopöie unläugbar ist. Mit dem Schermesser scheren.
Sich den Kopf kahl scheren lassen. Vom Barte, den Bart scheren, ist es nur in
den niedrigen Sprecharten üblich, so wie die meisten davon herrührenden
Zusammensetzungen und Ableitungen, z. B. Bartscherer, Scherbecken u. s. f. In
den anständigern Sprecharten gebraucht man dafür die ausländischen barbieren
und rasieren. Sich eine Platte scheren lassen. Figürlich doch auch nur in den
niedrigen Sprecharten: ich weiß nicht wie ich da geschoren bin, wie ich in
diesem Falle daran bin; der Wirth schert oder schiert seine Gäste, wenn er sie
zu viel bezahlen läßt. In dieser Bedeu- [
1423-1424] tung
schon bey dem Kero intensive skerran, wo Skurt auch die Tonsur ist, bey dem
Stryker schern, im Engl. to shear, im Nieders. gleichfalls scheren. 4) Mit der
Schere auf ähnliche Art horizontal über eine Fläche fahren, um alle hervor
stehende weichere Theile an derselben wegzunehmen. Sich den Kopf kahl scheren,
wenn es auf diese Art mit der Schere geschiehet. Jemanden über den Kamm
scheren, bedeutete ehedem, wie es in den alten Deutschen Sprichwörtern erkläret
wird, jemanden unter dem Scheine der Liebkosung, der Schmeicheley, zu schaden
suchen. Aber, alle über Einen Kamm scheren ist noch jetzt im gemeinen Leben,
alle auf einerley Art behandeln, einem wie dem andern begegnen. Einen Hund
scheren, ihm mit der Schere die Haare nahe an der Haut wegnehmen. So auch, die
Schafe scheren. Er hat sein Schäfchen geschoren, sagt man von jemanden, der bey
einer Sache seinen Vortheil gemacht hat. Auch das Beschneiden der Hecken mit
einer großen Schere wird das Scheren genannt; wenigstens sagt man im
Mittelworte geschorne Hecken. Wenn die wollenen Tücher von dem Stuhle des
Webers kommen, so werden sie von dem Tuchscherer mit der großen Tuchschere
geschoren, wozu eigentlich eine dreyfache Arbeit gehöret, deren jede ihren
besondern Nahmen hat. Das erste Mahl, da sie geschoren werden, heißt, bärteln
oder zu halben Haaren scheren. Hierauf weicht der Tuchmacher sie wieder ein,
und kartet sie mit scharfen Karten, damit sie dicke Haare bekommen, worauf sie
denn zum zweyten Mahle dem Tuchscherer in die Hände kommen, um sie im engsten
Verstande zu scheren. Hierauf werden sie gefärbt, an dem Nahmen getrocknet, und
endlich ausgeschoren. 5) * Theilen, einen Unterschied machen, ausnehmen; lauter
im Hochdeutschen veraltete Bedeutungen, welche aber noch in einigen Provinzen
vorkommen. Im mittlern Lat. ist carrire theilen, und im Lettischen skirru
absondern, wohin ohne Zischlaut auch das Lat. Intensivum secernere gehöret. Wer
da wollde scheren, einen Unterschied machen, in einer alten Reim-Chronik in den
Script. Brunsu. nach dem Frisch. Dar quomen gegen de Oster Heren Unde begonden
sek dar scheren, sich zu theilen, ebend. Ausscheren ist daselbst eine Ausnahme
machen. Im Niedersächsischen ist scheren und schoren noch jetzt scheiden,
absondern, durch eine Zwischenwand theilen, daher Schorels daselbst eine solche
breterne Zwischenwand, und Schorten abgetheilte Fächer bedeutet. Eben daselbst
ist scheren und schieren auch zutheilen, und Schierung ein zugetheiltes Ding,
ein zuerkannter Theil, besonders das jemanden zur Unterhaltung zugetheilte
Stück eines Deiches. Unser bescheren hat diese Bedeutung gleichfalls noch. 4.
Ausspannen, besonders von Seilen, Fäden u. s. f. welche Bedeutung von dem
Begriffe der Bewegung und Ausdehnung in die Länge abstammet, und womit das
Latein. Series verwandt ist, (
S. 2 Schar). Eine Linie, ein Seil scheren, heißt noch
durch ganz Niedersachsen, ein Seil anspannen wo es in manchen Gegenden auch
schieren lautet. Die Kattunweber scheren daher, wenn sie von jeder Spule einen
einzigen langen Faden oder eine Strähne auf den Scherrahmen aufhaspeln, und in
manchen Gegenden wird das Aufziehen des Garnes bey allen Arten der Weber
scheren genannt, da denn die Anschere oder Scherung Nieders. Schering, so viel
als der Aufzug ist. Ein Tuch ist auf 36 Eilen geschoren, (Nieders. geschiert,)
wenn der Aufzug so lang war. Manche Sprachforscher, denen diese allgemeine
Bedeutung des Ausspannens unbekannt war, haben diesen bey den Webern üblichen
Gebrauch als eine Figur von scheren, theilen, angesehen.
S. auch einige der folgenden Zusammensetzungen. Daher
das Scheren in allen obigen Fällen. Das in einigen Gegenden übliche Scherung,
ein beschiedenes, zugemessenes Theil, ingleichen der Aufzug eines Gewebes, ist
nicht das Verbale, son- [
1423-1424] dern ein eigenes
vermittelst der Ableitungssylbe -ing oder -ung gebildetes Hauptwort. Anm. Dieß
sind noch nicht alle die Fälle, in welchen dieses Zeitwort gebraucht wird; in
den Mundarten gibt es derer noch mehrere. Dahin gehöret z. B. das Dithmarsische
scheren, den Koth von sich geben, und Schor, Koth, und das Österreichische
scheren für schaben, daher die kleinen Steckrüben daselbst Scherrübel genannt
werden. Unser scharren ist das Intensivum davon, so wie auch scheuern damit
verwandt ist. Im Schwed. ist skära gleichfalls reinigen. Die Form du schierst,
er schiert, für scherst, schert, ist nur den gemeinen Sprecharten eigen.
Überhaupt ist dieses eines von denjenigen Zeitwörtern, welche in ihren
Veränderungen und Verwandten durch alle Selbstlaute durchgehen, zu einem
deutlichen Beweise, daß diese in sehr vielen Fällen für völlig gleichbedeutend
gehalten werden; die Schar, scheren, scheuern, du schierst, Nieders. schieren,
geschoren, Schur; Feuer schüren. Von der Schreibart scheeren ist schon bey
Schere etwas gesagt worden. [
1423-1424]