Der Ort
, [
617-618] des -es, plur. die Orte und
Örter, Diminut. das Örtchen, Oberd. Örtlein, ein Wort von vielfachen
Bedeutungen, welche sich doch insgesammt aus einem gemeinschaftlichen
Stammbegriffe herleiten lassen. 1. * Ein Theil eines Ganzen, ein abgebrochenes
Stück, ein Stückchen; eine Bedeutung, welche sich nur noch in einigen
Überresten erhalten hat. Im Engl. sind Orts Brocken, der übrig gebliebene Theil
des Brotes, und in weiterer Bedeutung jeder Speise. Im Niedersächsischen ist
Ort und Ortels dasjenige, was das Vieh von dem Futter übrig lässet und
verwirft; Ortstroh, das von dem Viehe übrig gelassene Futterstroh, orten,
örden, verorten, das Beste aus dem Futter und den Speisen aussuchen, und das
Schlechtere verwahrlosen. Im Irländischen ist Ordo ein Überrest, ein übrig
gebliebenes Stück, und im Norwegischen Or ein Bröckchen. Wenn es hier nicht zu
der folgenden Bedeutung des Letzten gehöret, so stammet es vermuthlich von
ären, arare, ab, so fern es ehedem überhaupt graben, zermalmen u. s. f.
bedeutet hat, und wovon wir mit dem Zischlaute noch scheren, theilen, haben.
Besonders scheinen hierher diejenigen Fälle zu gehören, wo Ort von Gewichte,
einer Münze und einem Maße gebraucht wird, wo es gemeiniglich den vierten Theil
eines größern bezeichnet, und, wenn man das v und q oder k als unwesentliche
Vorlaute betrachtet, alsdann mit vier, vierte und quartus, verwandt ist. 1) Ein
Gewicht, eine besonders in Niedersachsen und Dänemark übliche Bedeutung, wo der
Ort oder im Diminut. das Örtchen, der vierte Theil eines Quentes ist; in
welchem Verstande es im Hannöverischen und Brenrischen vorkommt. An andern
Orten wird das Quent dafür in vier Pfennige getheilet. Der Plural hat hier
beständig Orte, oder nach der Analogie anderer Wörter, welche eine Zahl, ein
Maß, ein Gewicht u. s. f. bedeuten, nur Ort, wie es denn in dieser Bedeutung
auch wohl im sächlichen Geschlechte gebraucht wird, das Ort. 2) Eine Münze,
welche gemeiniglich auch der vierte Theil einer größern ist, und wo der Plural
gleichfalls Orte oder Ort lautet, das Geschlecht aber auch oft sächlich ist,
das Ort. (a) In vielen Gegenden Ober- und Nieder-Deutschlandes ist der Ort oder
das Ort der vierte Theil eines Reichsthalers, daher eine Münze, welche 6 Gr.
gilt, auch ein Ortsthaler oder ein Reichsort genannt wird. Es kostet drey
Thaler und eine Ort. Im Cöllnischen hat ein Ort oder Ortsthaler 2 Schillinge, 5
Blaffects, oder 240 Häller; zwey Ort machen daselbst einen Herrengulden. b) Das
Örtchen, im Diminut. ist in Ostfriesland der vierte Theil eines Stübers,
welcher 2 1/2 Witten hält, so daß 216 Örtchen auf einen Reichsthaler gehen. In
Schweden ist Örtig oder Örtug der dritte Theil eines Öres, oder acht Pfennige.
Auch ins Dänischen hat man Orte, und im Pohln. ist Urt gleichfalls eine Münze.
In dieser Bedeutung einer Münze leiten es die meisten Sprachforscher von der
folgenden Bedeutung einer Ecke her, weil ein in vier Theile getheiltes Stück
Ecken bekommt. Allein wenn man den ganzen Umfang dieser Bedeutung zusammen
nimmt, so muß man den Stamm höher suchen, welcher denn vermuthlich kein anderer
ist, als das schon gedachte ären, scheren, theilen. 3) Eines Maßes, welches
gleichfalls gemeiniglich der vierte Theil eines größern ist; Plural Orte oder
Ort. Es ist in diesem Verstande im Niederdeutschen am üblichsten. In Lübeck ist
das Ort der vierte Theil eines Quartieres, und im Osnabrückischen der vierte
Theil einer Kanne oder eines Maßes, welcher daselbst wiederum vier Helfchen
hat. Auch in Schweden ist Ort ein Getreidemaß, deren 32 eine Kanne, 1792 aber
eine Tonne machen. Im Salzwerke zu Halle ist Ort der vierte Theil einer Pfanne.
In noch weiterer Bedeutung, aber mit andern Endlauten gehören auch Ohr, Öhr,
Arche, Arke, Urne, Urceus, Arca, das Narto, ein Becken, in den Monseeischen
Stoffen, und das alte Gothische Auralija, ein Grab, hierher, welche insgesammt
in der Bedeutung eines hohlen Raumes mit dem vorigen überein kommen. Auch das
Ort im folgenden, so fern es im Bergbaue einen Theil einer Grube bedeutet,
lässet sich hierher rechnen. 2. Die Schärfe, Spitze, Ecke eines Dinges; eine
mit der vorigen sehr genau verwandte Bedeutung, welche im gemeinen Leben Ober-
und Nieder-Deutschlandes noch häufig genau vorkommt. 1) Überhaupt, eine jede
Spitze, Schärfe oder Ecke eines Dinges; wo der Plural gemeiniglich Örter
lautet. Seiner Zungen Ort, für Spitze, heißt es bey dem Jeroschin. Vierörtig
kommt für viereckig noch im gemeinen Leben Ober-Deutschlandes vor, so wie
scharfortig, einen scharfen oder spitzigen Winkel, stumpfortig, einen stumpfen
Winkel, und rechtortig, einen rechten Winkel habend. Im Bergbaue werden die
Spitzen an den Bergeisen Örter genannt. Die Orter ausschmieden, die abgenutzten
Spitzen wieder spitz schmieden. Seines Swertes ort blikke, Stryker, die Blicke
von der Schärfe seines Schwertes. Im Nieders. ist der Ort, wie im Angels. Ord,
eine jede Ecke, ein jeder Winkel. Um den Ort gehen, um die Ecke gehen. Daher
Orthaus daselbst ein Eckhaus, Ortstein einen Eckstein bedeutet. Auch eine
Landspitze an der Mündung zweyer in einander fließender Flüsse, oder an der
See, ist unter dem Nahmen eines Ortes bekannt, daher sich manche eigenthümliche
Nahmen auf dieses Wort endigen; z. B. Daggerort, Leerort u. s. f. Ein kleiner
übrig bleibender Platz in einem Garten, in einem Acker, heißt im Nieders. ein
Örtken, gleichsam ein Eckchen, ein Winkelchen. In den Monseeischen Glossen ist
Ozth gleichfalls ein Winkel. Ähre Arista, Ärker, Horn, Hort, -
hier
nichtlateinischer Text, siehe Image - , und hundert andere sind gleichfalls
damit verwandt, indem der Begriff der Hervorragung, der Schärfe, der Spitze, in
allen der herrschende ist.
S. diese Wörter. In einer alten Bibelübersetzung von
1477 werden die Hörner oder Ecken des Altars Örter genannt. 2) Ein mit einer
scharfen Spitze begabtes Ding; wo der Plural gemeiniglich Orte hat. Besonders
pflegen die Schuster ihre Ahle Orte zu nennen. 3. * Das Erste und Letzte an
einem Dinge, der Anfang und das Ende in Ansehung der Ausdehnung; eine noch im
gemeinen Leben hin und wieder übliche Bedeutung, welche eine Figur der vorigen
ist, in der anständigen Schreib- und Sprechart der Hochdeutschen aber, einige
Zusammensetzungen ausgenommen, nicht mehr vorkommt. Des Lebens Ort, des Lebens
Ende, Jeroschin. Bis zu Tages Ort, bis zum Anbruche des Tages. Narrenschiff. Er
sagt es ihm von Ort, er erzählet es ihm von Anfange, in einem alten Gedichte
bey dem Eckard, nach dem Frisch. Bey dem Notker [
619-620] ist Ortfruma, und bey dem Hornegk Orthab, der Urheber, Anfänger eines
Dinges, im Angels. Ort der Ursprung, Anfang, und im Schwed. Ort das Ende. Wer
stehet nicht, daß in Ansehung des Anfanges unser er, erst, ur und Ur, das Lat.
oriri, ordiri, Ortus, Origo, und in Ansehung des Letzten, des Endes, das
Griech. -
hier nichtlateinischer Text, siehe Image - , das Ende, das
Lat Ora, in der Monseeischen Glosse Ort, der Rand, und mit dem Bauch unser Bord
und Bort dahin gehören? Tewrdank der Held - trat an des Paumbs Ort, Theuerd.
Kap. 28.
Was ist doch unser Leben, Die wir ohn End und Ort in Furcht
und Troste schweben? Opitz,
wo End und Ort weiter nichts als Ende zu bedeuten scheinen.
Im gemeinen Leben sagt man noch, eine Sache am rechten Orte angreifen, am
rechten Ende. Im Nieders. ist es in dieser Bedeutung des Endes noch völlig
gangbar.
S. Ortband, Ortbret und andere der folgenden
Zusammensetzungen. Vermuthlich gehöret hierher auch die im Bergbaue
übliche Bedeutung, wo es das Ende eines jeden horizontal getriebenen
Berggebäudes, ferner die Stelle in einer Berggrube bedeutet, wo der Bergmann
arbeitet, und hernach in weiterer Bedeutung eine jede kurze horizontale
Aushöhlung; wenn es hier nicht vielmehr zur ersten Bedeutung eines Theiles,
eines kurzen Stückes, eines Endes, zu rechnen ist. Der Plural hat hier
beständig Örter. Alle horizontale und in die Quere gehende Wege und Öffnungen,
welche zum Theil auch Querschläge genannt werden, heißen daselbst Örter,
Suchörter, deren Absicht bloß das Nachsuchen ist, Feidörter, welche in keine
große Tiefe getrieben werden, Füllörter, wo die Tonnen gefüllet werden, u. s.
f. Örter anstellen oder treiben, solche horizontale Öffnungen machen. Vor Ort
kommen, an das Ende eines horizontalen Berggebäudes. Der Bergmann arbeitet vor
Ort, wenn er seine Arbeit am Ende der Grube auf dem Gesteine hat. Im Schwed.
lautet es in dieser Bedeutung gleichfalls Ort. 4. Derjenige Raum, welchen ein
Körper einnimmt oder doch einnehmen kann, ein bestimmter Theil des Raumes; eine
gleichfalls mit den vorigen genau verbundene Bedeutung, entweder, so fern das
Ende des Raumes, dessen Gränze, figürlich für den Raum stehet, in welchem
Verstande auch Gränze und das Latein. Finis üblich sind, eder auch, so fern
Ort, dem dritten besondern Falle der ersten Bedeutung zu Folge, einen hohlen,
vertieften Raum, und hernach figürlich einen jeden bestimmten Raum bedeutet,
auf welche Art auch das Latein. Locus eine Figur von Loch ist. 1) Überhaupt,
der Raum oder Theil des Raumes, - welchen ein Ding einnimmt oder doch einnehmen
kann, und in weiterer Bedeutung auch ein Theil eines Dinges in Ansehung des
Raumes, so fern sich ein Ding oder auch nur ein Umstand daselbst befindet oder
befinden kann. Der Plural hat hier im gemeinen Leben zwar häufig Örter, in der
anständigern Schreib- und Sprechart, nach dem Muster der Oberdeutschen, aber
alle Mahl Orte. In der Methaphysik nennt man denjenigen Raum, welchen ein
Körper wirklich einnimmt, den absoluten Ort, den Theil des Raumes aber, welchen
er in Ansehung anderer Körper einnimmt, sein Verhältniß gegen die neben ihm
befindlichen Dinge, die Stelle, den relativen Ort. Im gemeinen Leben begreift
man beyde unter dem Nahmen des Ortes schlechthin. Es lag an diesem Orte. Lege
es an jenen Ort. Ein jedes Ding an seinem Orte. Ich habe es an allen Orten
gesucht; in allen Theilen des Raumes, wo es sich nur befinden konnte. Ein
bequemer Ort. An welchem Orte? wo? Etwas an dem rechten Orte suchen. An
unzähligen Orten. Jemanden Zeit und Ort bestimmen. Eine
[
619-620] Pflicht aller Zeiten und Örter; besser Orte.
Sich einen Ort merken. Das lasse ich an seinen Ort gestellet seyn, das lasse
ich unentschieden. Das Feuer brach an vier Orten aus. Die Stadt wurde an drey
Orten zugleich angegriffen. Geistige Substanzen sind undurchdringbar und nehmen
keinen Ort ein. Das stehet hier am unrechten Orte. Aller Orten, für an allen
Orten.
Die Luft - Schleicht Bösen aller Orten nach, Haged.
Raum, Ort, Stelle und Platz kommen in gewissen Fällen mit
einander überein, gehen aber auch in vielen Stücken von einander ab, (
S. diese Wörter.) Hier bemerke ich nur, daß Ort einen in
seinen Gränzen eingeschlossenen obgleich unbestimmten Raum bezeichnet, welches
aus der Abstammung dieses Wortes erhellet, da es eigentlich das Letzte,
Äußerste, die Gränze des Dinges andeutet. Der Ort, wo ein Ding stehet oder
lieget, kann zwar auch Ort heißen, wird aber doch in manchen Fällen lieber die
Stelle und Stätte genannt, (
S. diese Wörter.) Daher ist in den Stellen, er wäget ein
Land, aus seinem Ort, Hiob 9, 6, und, sein Ort kennet ihn nicht mehr, Kap. 7,
10, freylich das Wort Stelle, welches Michaelis dafür setzet, schicklicher. 2)
In einigen engern Bedeutungen. (a) In der höhern Geometrie ist der Ort, im
Plural die Orte, diejenige Linie, durch welche eine unbestimmte Aufgabe
geometrisch aufgelöset wird; Locus geometricus. Der Ort an einer geraden Linie,
oder ein einfacher Ort, wenn es eine gerade Linie ist. Der Ort an einem Zirkel,
oder ein ebener Ort, Locus planus, wenn es eine Zirkellinie ist. Der Ort an der
Parabel, Hyperbel u. s. f. oder ein körperlicher Ort Locus solidus, wenn es
eine Parabel, Hyperbel u. s. f. ist. (b) Bey den Markscheidern ist der Ort oder
die Ortung ein jeder Punct in der Grube, so fern derselbe durch eine
perpendiculäre Linie am Tage, d. i. auf der Oberfläche der Erde, angegeben
wird, wo es auch wohl im sächlichen Geschlechte gebraucht wird. Ein Ort, oder
einen Ort, eine Ortung an Tag bringen, auf der Oberfläche der Erde verzeichnen.
(
S. Ortpfahl und Ortung) (c) Derjenige Raum in einer
Schrift, in welchem sich ein Satz, eine Rede, ein Ausspruch u. s. f. befindet;
im Plural die Orte. Das ist schon an einem andern Orte gesagt worden. Davon
wird an seinem Orte geredet werden. Dieses Wort kommt an mehrern Orten vor. Der
Satz, die Rede, der Ausspruch selbst heißt die Stelle. (d) Die Himmelsgegend;
eine im Hochdeutschen veraltete Bedeutung. Die vier Winde aus den vier Örtern
des Himmels, Jerem. 49, 36. Die vier Örter des Erdreichs, Es. 11, 12; wo es
auch Enden oder Ecken bedeuten kann. (e) * Ein Theil der Erdfläche, ein in
seine Gränzen eingeschlossener Theil der Oberfläche der Erde, ein Bezirk; im
Plural die Örter und im Oberdeutschen die Orte. In den Orten der Wüste wohnen,
Jerem. 9, 26. Im Hochdeutschen ist auch diese Bedeutung unbekannt, im
Oberdeutschen aber kommt sie mehrmahls vor. So werden die Cantons der Schweizer
daselbst nur Orte, oder Ortschaften genannt. Das gleichbedeutende Canton
stammet auf ähnliche Art von Kante, Ecke, ab, wie Ort von Ort, Ecke. Die
Fränkische Reichsritterschaft wird in sechs Orte oder Örter, d. i. Kreise,
getheilet, welche Odenwald, Gedürg, Röhn und Werra, Steyerwald, Altmühl und
Buchau heißen. Die Schwäbische Ritterschaft bestehet aus fünf Orten. (f) In
engerer Bedeutung, ein von Menschen bewohnter Theil der Erdfläche; wo es ein
allgemeiner Ausdruck ist, welcher Städte, Schlösser, Flecken, und Dörfer unter
sich begreift. Der Plural hat hier im gemeinen Leben und der vertraulichen
Sprechart Örter, im Oberdeutschen und der anständigern Schreibart aber Orte. An
meinem Orte, in der Stadt, dem Flecken, dem Dorfe, woher ich
[
621-622] gebürtig bin, wo ich wohne. Ein fester Ort.
Einen Ort mit Sturm erobern. An vielen Orten hält man es anders. Berlin ist
sein Geburtsort, Wohnort, der Ort seines Aufenthaltes. An einigen Orten in
Franken. Durch einen Ort reisen. Ein offener Ort. Dieß Orts, an diesem Orte,
hiesigen Orts, an hiesigem Orte, hiesiger Orten, an oder in hiesigen Orten, was
Orten, für wo, sind den Oberdeutschen am geläufigsten. (g) In noch engerer
Bedeutung, ein kleinerer von Menschen besuchter Raum, auf eine ganz unbestimmte
Art, ob es ein Gebäude, ein Haus, ein Zimmer u. s. f. ist. Im Plural
gleichfalls im gemeinen Leben Örter, und in der anständigern Sprechart Orte. An
öffentlichen Orten, Less. Verdächtige Örter oder Orte besuchen, verdächtige
Häuser. Etwas an öffentlichen Orten aufschlagen. (b) Figürlich, die Person oder
Personen selbst, doch nur in einigen Arten des Ausdruckes; im Plural die Orte.
Etwas gehörigen Ortes, oder am gehörigen Orte melden, es der gehörigen Person
melden. Es ist höhern Orts befohlen worden, im Oberdeutschen, von höherm Orte,
d. i. von einer höhern Person. Etwas von hohen Orten, oder hohen Orts, her
haben. Ich meines Orts, was mich betrifft. Er seines Orts, was ihn betrifft.
Wir unsers wenigen Orts, was unsere geringe Person betrifft. Anm. In dieser
ganzen vierten Bedeutung schon bey dem Ottfried Ort, im Schwed. Ort. Die
Abstammung ist schon oben bemerkt worden. Außer den daselbst bemerkten
Verwandten gehören auch noch hier, dort (gleichsam da - ort) und wärts zu dem
Geschlechte dieses Wortes. Einige Mundarten sprechen das o in diesem Worte
gedehnt aus, als wenn es Ohrt geschrieben würde. Im Hochdeutschen lautet es
geschärft, wie es die Regel erfordert. Anm. 2. Im Oberdeutschen ist dieses Wort
häufig, obgleich nicht durchgängig, sächlichen Geschlechtes, welches Geschlecht
auch wohl, doch nur in einigen oben bemerkten einzelnen Fällen im Hochdeutschen
vorkommt; das Ort. Das Ort der Herrlichkeit, Opitz. Im Theuerdanke kommen in
einer und eben derselben Bedeutung bald der Ort bald auch das Ort vor. Anm. 3.
So wie man von Locus im Latein. so wohl loci als loca sagt, so ist im Plural
von diesem Worte auch Örter und Orte üblich. Die Fälle, wo sie gebraucht
werden, sind schon bey jeder Bedeutung angeführet. Im Ganzen erhellet daraus,
daß, so wie in andern ähnlichen Fällen, Örter mehr Niederdeutsch und gemein,
Orte aber mehr Oberdeutsch, edel und anständig ist. Daher ist in denjenigen
Fällen, wo Ort nur noch im gemeinen Leben gebraucht wird, auch nur allein der
Plural Örter üblich. Sollte das Wort in diesen Bedeutungen einmahl in die
edlere Schreibart aufgenommen werden, so müßte es im Plural gleichfalls Orte
haben. Verschiedene Sprachforscher, und unter andern auch Stosch, haben
behauptet, der Plural laute Orte, wenn das Wort ganz unbestimmt gebraucht
werde, niemand kann an allen Orten seyn, ich bin aller Orten herum gelaufen;
aber Örter, wenn es mit mehr Bestimmung gebraucht werde, und entweder das
bestimmte Geschlechtswort, oder ein anzeigendes Fürwort vor sich habe; die
Örter, wo wir vormahls so vergnügt waren. Allein aus dem vorigen und den
daselbst angeführten Beyspielen erhellet, daß sich der Gebrauch an diese
Bestimmung nicht bindet, welche auch in der Sache selbst keinen möglichen Grund
hat. Der Plural auf -er scheinet aus derjenigen Mundart herzustammen, welche
dieses Wort im sächlichen Geschlechte gebraucht, da doch einmahl die meisten
Plurales auf -er sächlichen Geschlechtes sind. Da nun dieses Geschlecht im
Hochdeutschen nicht üblich ist, so könnte man den Plural Örter füglich ganz
entbehren. In dem 15ten Bande der Berliner allgemeinen Deutschen Bibliothek,
machte ein Recen- [
621-622] sent zu der jetzt
angeführten Bestimmung des Stosch folgende Anmerkung: "Das Worte Orte, als die
mehrere Zahl von Ort, möchten wir nicht gern annehmen, sondern lieber sagen,
daß Orten (denn bloß mit dieser Endung kommt es vor) adverbialiter gebraucht
werde; z. B. aller Orten, welches auch richtiger ist, als an allen Orten." Hier
sind so viele Fehler als Sätze, deren Unrichtigkeit einem jeden aus dem vorigen
einleuchten wird. [
621-622]