Die Hure
Die Hure,
[
1329-1330] die -n. 1) Im engsten und
vielleicht eigentlichen Verstande, eine jede weibliche Person, welche ihren
Leib jeder Mannsperson gegen Lohn, oder um Gewinstes willen, Preis gibt; eine
offenbare, oder öffentliche Hure. 2) In weiterer Bedeutung, eine geschwächte
Person andern Geschlechtes, eine unverheirathete geschwängerte Weibesperson; in
der harten Sprechart und im gemeinen Leben. Zur Hure werden. Eine Person zur
Hure machen, sie schwängern. 3) In noch weiterer Bedeutung, eine jede weibliche
Person, welche durch unerlaubten Beyschlaf die Keuschheit verletzet,
gleichfalls nur in der harten Schreibart und mit beleidigender Verachtung; da
es denn so wohl von verehlichten weiblichen Personen, wenn sie auf solche Art
wider die eheliche Treue handeln, als auch, und zwar am häufigsten, von
unverheiratheten gebraucht wird. Anm. 1. Bey dem Ottfried, der es von einer
Ehebrecherinn gebraucht, Huru, in den Monseeischen Glossen Huor, im Nieders.
Hore, im Angels. Hor, im Engl. Whore, im Dän. Hore, im Schwed. und Isländ.
Hora, im Finnischen Huora, in der Normandie Hore, im Span. Gorrona, im Alban.
Kurbar, in den Slavonischen Mundarten Kurwa und Kürwa, bey den Tschuwassen,
eine Tartarische Nation, Cher; alle in der ersten eingeschränktesten Bedeutung.
Im mittlern Lat. war auch Curia eine Hure. Johann von Genua:
Curia jus curat, meretrix est Curia dicta.
Wo es aber aus dem Griech. -
hier nichtlateinischer Text,
siehe Image - , Gebietherinn, Frau, entlehnet zu seyn scheinet, wofür die
spätern Lateiner gleichfalls Curia gebrauchten. Bey einem so hohen Alter ist
vielleicht eine vergebliche Mühe, nach dem Ursprunge dieses Wortes zu forschen.
Indessen gibt es unter den Ableitungen, welche man davon versucht hat, doch
vornehmlich drey, welche angeführet zu werden verdienen, obgleich keine
derselben eine überwiegende Wahrscheinlichkeit für sich hat. 1) Eckard und Ihre
leiten es von dem alten Her, Koth, ab, besonders so fern man die Laster ehedem
mehrmahls mit körperlichen Unreinigkeiten verglich. So war von dem Isländ.
Saur, Schmutz, bey den ältern Schweden Saurlisi, Hurerey. Im Deutschen ist
Unreinigkeit in engerer Bedeutung eben das. Das Latein. Stuprum bedeutete, dem
Festus zu Folge, ehedem eine jede schändliche Sache, und selbst Scortum würde
die Ableitung von dem Nieders. Scharn, Angels. Scearn, Scyrn, Dän. Skarn,
Griech. -
hier nichtlateinischer Text, siehe Image - , Koth, Mist,
aushalten, welches bloß durch Vorsetzung des Zischlautes aus Gahre und Hor
gebildet worden. Hierzu kommt noch, daß Huor, im ungewissen Geschlechte, in
unser ältesten Denkmählern sehr oft für Unzucht und Ehebruch vorkommt, so daß
Hure, und im männlichen Geschlechte Hurer, eigentlich Beywörter zu seyn
scheinen, welche ursprünglich unrein bedeutet haben, wie das Schwed. Skör noch
jetzt ein solches Beywort ist. 2) Nach dem Frisch und andern hat Hure einen
anständigern Ursprung und bedeutet eigentlich ein Mädchen, da es denn mit dem
Griechischen -
hier nichtlateinischer Text, siehe Image - , puella,
genau überein kommen würde. Was diese Ableitung unterstützet, ist, daß man bey
feinern Sitten diesen Personen auch in andern Fällen anständigere Nahmen
gegeben, wie aus dem Franz. Maitresse, Fille de joye, dem Deutschen Mädchen,
Gebietherinn, Liebste u. s. f. erhellet. Selbst die öffentlichen Huren nannte
man im Deutschen ehedem nur Frauen, und wenn man sie näher bestimmen mußte,
gemeine Frauen, ingleichen Hübscherinnen, von hübsch u. s. f. 3) Wachter
endlich leitete es von dem noch im Nieders. üblichen heuern, dingen, miethen,
her, welches in groben Mundarten noch jetzt huren lautet, und da wäre eine Hure
eigentlich eine um Lohn zur Befriedigung der Wollust gedungene Weibsperson;
eine Ableitung, welche mit der ersten engsten Bedeutung sehr gut überein kommt.
Anm. 2. In der zweyten und dritten Endung des Singulars lautet dieses Wort
statt der Hure noch mehrmahls der Huren. Mit einer Huren handeln, 1 Mos. 34,
31. Die Lippen der Huren sind süße, - - und ihre Kehle ist glätter denn Öhl,
Sprichw. 5, 3. Welches ein Überbleibsel der Oberdeutschen Mundart ist, nach
welcher auch Frau, Erde, Glaube, Grube u. a. m. noch zuweilen abgeändert
werden. Da übrigens dieses Wort in allen seinen Bedeutungen nunmehr ein sehr
harter und beleidigender Ausdruck ist, so gilt solches auch von den folgenden
Ableitungen und Zusammensetzungen, welche daher auch in der edlern und
anständigern Schreib- und Sprechart fremd sind. Eine heim-
[
1331-1332] liche Hure, in der ersten Bedeutung, welche
ihr Handwerk im Verborgenen treibet, heißt in Niedersachsen eine Gluphure, eine
im höchsten Grade freche und gemeine Hure, eine Strahlhure, in den niedrigern
Sprecharten anderer Gegenden aber eine Erzhure, Gassenhure, Hällerhure u. s. f.
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1331-1332]