H
H,
[
865-866] der achte Buchstab des
Deutschen Alphabetes, welcher ein dreyfaches Amt hat. 1. Ist er ein Buchstab im
eigentlichsten und schärfsten Verstande, welcher einen etwas starken, aber doch
nicht an den Gaumen angestoßenen Hauch ausdrucket, wo er gleichsam den Übergang
der Selbstlauter zu den Mitlautern ausmacht, indem jene wahre, aber sehr
gelinde Hauche sind. Um dieser Ursache willen ist auch das H von einigen
Sprachlehrern ein Halb-Vocal genannt worden. Es hat in dieser Gestalt einen
doppelten Laut. Mit einem starken Hauche wird es zu Anfange eines Wortes
ausgesprochen, wie im Habe, Haft, Hand, Herz, Hoch, Hund u. s. f. mit einem
schwächern aber in der Mitte zu Anfange einer Sylbe, besonders nach einem
Vocale, wie in gehen, sehen, flehen, geschehen, nahe, Ehe, wehen, leihen,
drohen, wiehern, Mühe, ruhen, Reihe u. s. f. wo es im manchen Gegenden so
gelinde ausgesprochen wird, daß man es fast gar nicht höret. Ja die
Niedersächsische Mundart, welche eine Feindinn des Hauches ist, und die mit ihr
verwandten Sprachen, verbeißen es in der Mitte gar; Nieders. gaan, gehen,
Schwed. ga, Engl. go, Holländ. gaen, Nieders. teen, ziehen, scheen, geschehen,
seen, sehen, Engl. see, Schwed. si, Holländ. sien; dagegen die Niedersachsen in
manchen Wörtern statt des h ein i oder j hören lassen, wie in Moie, Moje, Mühe,
bloien, blühen, Holländ. bloeyen, gloien, glühen u. s. f. Die Alemannische und
einige andere Mundarten sprechen es auch in der Mitte, wenigstens in vielen
Wörtern, mit einem so harten Hauche aus, der dem ch nahe kommt, sich für stehe,
geschicht für geschiehet, Floch für Floh; und daher rühret es vermutlich, daß
es auch im Hochdeutschen in solchen Wörtern, wo der gedehnte Vocal in den
geschärften verwandelt wird, wirklich in das ch übergehet, wohin Gesicht,
sichtbar, von sehen, Flucht von fliehen, Geschichte von geschehen, Zucht von
ziehen, Verzicht von verzeihen, u. a. m. gehören. Die ältere Fränkische Mundart
pflegte es gern dem l, r und w zu Anfange der Wörter vorzusetzen, da es denn
nur vor dem l oft in das noch stärkere ch oder k überging; Hludewig, Chlodewig,
Clodewig, Hlotharius, Chlotarius, Hrabanus, Hruodolf, Hwil, ein Rad u. s. f.
Die Engländer sprechen ihr roli, wenn es ein Wort anfängt, noch so, und die
Schweden schreiben es sogar, Schwed. Hwal, Walfisch, Hwalf, Gewölbe, hwar, wer,
hwar, Engl. where, wo, hwerfwa, werfen, Hwete, Weitzen, Hwila, Weile, hwilken,
Engl. which, welcher u. s. f. Dagegen gibt es ganze Völker, welchen die
Aussprache dieses Buchstabens auch zu Anfange der Wörter sehr schwer ankommt,
wohin besonders die Russen und Italiäner gehören. Das Beyspiel der letztern
läßt vermuthen, daß auch ihre Vorfahren, die Lateiner, das h zu Anfange der
Wörter sehr gelinde und vielleicht gar nicht ausgesprochen; daher es auch in
der Lateinischen Prosodie für keinen Buchstaben gerechnet wird. Im Deutschen
kann man ihm wegen seines bestimmten und merklichen Lautes die Eigenschaft
eines wahren Buchstabens nicht absprechen. 2. Das zweyte Amt des h ist, daß es
zuweilen das Zeichen eines gedehnten Selbstlauters ist, und als dann für sich
nicht ausgesprochen wird. Dieses findet Statt am Ende einiger Wörter, welche
sich auf einen Selbstlaut endigen, wie in Stroh, froh, Schuh, Ruh, roh, Vieh,
rauh, früh, eh für ehe, wo aber in manchen noch ein anderer Grund in der
Abstammung liegt, und da dienet das h zugleich den stärkern Hauch des
Stammwortes zu erkennen zu geben. Noch häufiger wird dieses h in der Mitte
vieler Wörter vor den vier flüssigen Selbstlautern l, m, n, r, zur Dehnung des
vorher gehenden Selbstlauters gesetzet. So stehet es vor dem l, in Ahle,
subula, fahl, Gemahl, das Mahl, mahlen, kahl, Stahl, Strahl, Wahl, Zahl, Pfahl,
Fehl, fehlen, Kehle, Mehl, stehlen, hehlen, befehlen, Bohle, Kohl, Kohle,
Stuhl, Sohle, hohl, hohlen, prahlen, Dohle, wohl, buhlen u. s. f. Vor dem m, in
lahm, zahm, Ohm, Ahm, Ruhm, nehmen, ahmen Rahm u. s. f. Vor dem n, in ahnden,
Ahnen, Bahn, Fahne, Hahn, Huhn, Kahn, Krahn, Lahn, lehnen, mahnen, Sahne, Wahn,
dehnen, sehnen, Sehne, ihn, ihnen, Hohn, Lohn, Mohn, ohne, Sohn, wohnen, Dohne,
Frohn u. a. m. Und endlich vor dem r, im Bahre, (nach andern Baare) wahr,
bewahren, fahren, Fahrt, Gefahr, Jahr, Ehre, kehren, lehren, mehr, sehr, hehr,
ihr, bohren, Ohr, Ruhr, Uhr, Fohre, der Gehren, begehren, gähren, Guhr u. s. f.
Da das h in diesen Fällen, wenigstens der gemeinsten Meinung nach, ein bloßes
Zeichen des vorher gehenden gedehnten Selbstlauters ist, so verstehet es sich
von sich selbst, daß es unnöthig ist, wenn ein Doppellaut vorher gehet, dessen
Dehnung schon kenntlich genug ist. Man schreibt daher verlieren, ob man gleich
das h in befiehlst und stiehlst beybehält, weil es aus befehlen und stehlen
gebildet ist. Da ä, ö und ü keine Doppellauter, folglich auch nicht an und für
sich gedehnt sind, so kann nach ihnen das h, wo es einmahl eingeführet ist,
auch nicht für überflüssig gehalten werden. Man schreibt also ganz richtig,
Ähre, jähnen, Mähne, Mühle, schmählen, schmählich, Mähre, Möhre, Höhle, Öhl,
Röhre, Bühne, fühlen, führen, wühlen, kühl u. s. f. Indessen ist diese Regel
nicht allgemein, weil man wenigstens eben so viel Wörter hat, wo der gedehnte
Selbstlaut vor den flüssigen Mitlautern kein h ausweisen kann. Dergleichen
sind, z. B. die Endungen -sal, -sam, -bar, die Wörter dar, klar, Krone, bequem,
Blume, (wo über dieß noch die Abstammung von blühen es erfordern sollte,) gar,
Gram, schal, schmal, Schnur, Flur, Spur, Hure, schonen, Schwan, Schwur,
schwören, Span, Plan, Bär, hämisch, schon, sparen, stören, die Sylbe ur-, und
hundert andere mehr. In andern wird der Selbstlaut verdoppelt, wie in Aal,
Heer, Waare, Haar, leer, Theer, Meer, Beere u. s. f. und was die Endung
betrifft, in See, Schnee, Klee u. a. m. Diese Ungleichheit ist wichtig, und
beweiset nebst dem Mangel dieses h in so vielen andern gedehnten Sylben sehr
deutlich, daß es in den Fällen, wo es eingeführet worden, etwas mehr als ein
bloßes Zeichen der Dehnung ist, wofür es von allen Sprachlehrern gehalten wird.
Merkwürdig ist dabey, daß es nur vor den vier flüssigen Mitlautern l, m, n, und
r angenommen worden; denn in Fehde, welches vielleicht das einzige Wort von dem
Gegentheils ist, hat es einen unläugbaren etymologischen Grund, und
[
867-868] erhält die Verwandtschaft mit fechten.
S. die Orthographie, wo dieses umständlicher ausgeführet
worden. Den Alten war dieses so genannte Dehnungs h völlig unbekannt, und
man findet es bey ihnen so wenig, als es die Dänen, Schweden und andere Völker
kennen. Auch die Niedersachsen wollen nichts davon wissen. Erst im 15ten
Jahrhunderte kommt es, doch nur noch sehr einzeln, zum Vorscheine. In der
ersten Hälfte des 16ten findet man es auch noch sehr selten; aber in der
zweyten Hälfte, da man mehr auf die grammatische Richtigkeit seiner
Muttersprache zu sehen anfing, ward es häufiger und nach und nach allgemein. 3.
Dienen endlich auch das h den härtern Laut einiger Buchstaben und besonders des
c, wenn es wie ein k lauten sollte, des p, und t zu mildern, oder vielmehr mit
denselben gewisse Laute auszudrucken, für welche wir keine eigene einfache
Zeichen haben,
S. Ch, Ph und Th. Von dem h, welches in einigen wenigen
Fällen dem r beygefüget wird.
S. R. [
867-868]