Chen
, eine Endsylbe, vermittelst welcher aus Hauptwörter
verkleinernde Wörter gebildet werden. Zuweilen kann diese Sylbe dem
Hauptworte ohne alle Veränderung angehänget werden, wie in
Becherchen, Bretchen, Beetchen, Beinchen, Bettchen, Beutelchen, Bildchen,
Bißchen u. s. f. von Becher, Bret u. s. f. Wenn aber die nächst
vorher gehende Sylbe ein a, o, u oder au ist, so werden solche in ä,
ö, ü oder äu verwandelt: Ämtchen, Altärchen,
Äpfelchen, Ästchen, Bällchen von Ball, Bänkchen,
Bärtchen, Bäumchen, Öchschen, Blöckchen, Böckchen,
Mütterchen, Hündchen, Küßchen von Kuß, Häuschen
u. s. f. Doch gibt es einige, obgleich wenige Wörter, wo diese Vocale
unverändert bleiben, dahin z. B. Alraunchen und einige andere
gehören. Diese Veränderung findet auch in der zweyten Sylbe vor dem
chen Statt: Kämmerchen, Füderchen, Klösterchen, Müsterchen,
Mäuerchen, Schächtelchen, Täfelchen u. s. f. Ankerchen,
Papierchen, und vielleicht noch einige andere machen auch hier eine
Ausnahme.Wenn sich das Hauptwort, welches auf diese Art verkleinert werden
soll, auf ein e oder en endiget, so werden diese Sylben weggeworfen. So wird
aus Ähre, Backe, Affe, Bube, Änte, Base, Beere, Ballen, Küssen,
Leisten, Balken u. s. f. Ährchen, Bäckchen, Äffchen,
Bübchen, Äntchen, Bäschen, Beerchen, Bällchen,
Küßchen, Leistchen, Bälkchen u. s. f.Wenn aber der letzte
Consonant des zu verkleinernden Wortes bereits ein Hauchlaut ist, so pflegten
die Hochdeutschen alsdann dem Worte noch ein el anzuhängen, um die
Zusammenkunst zweyer Hochlaute zu vermeiden; da denn die Verkleinerungsendung
-elchen lautet. So wird auch Blech, Sache, Ding u. s. f. ein Blechelchen,
Sächelchen, Dingelchen, Buchelchen, Sprüchelchen, Löchelchen,
Gängelchen, Strichelchen, Stängelchen, Ängelchen u. s. f. Man
findet Diminutiva zwar auch im Oberdeutschen, aber vorzüglich sind sie
doch den Hochdeutschen eigen; dagegen die Niedersachsen in solchen Fällen
ihrem ken noch ein s vorsetzen, Dingsken, Gängsken, Böksken u. s. f.
Gemeiniglich behauptet man, daß solche Wörter doppelte Diminutiva
sind, weil die Oberdeutsche verkleinernde Endung lein, im gemeinen Leben oft
nur el lautet; Bübel, Närrel, Sächel, für Büblein,
Närrlein, Sächlein. Allein die Sylbe el scheinet in dem oben
angeführten Falle so wenig ein eigenes Diminutivum zu seyn, als es das s
in dem Niedersächsischen sken ist, sondern bloß um des Wohlklanges
willen zu stehen.Hierher gehören aber diejenigen Wörter nicht, an
welchen -el die gewöhnliche Ableitungssylbe ist, welche ein Werkzeug,
Ding, Subject u. s. f. bedeutet: Achsel, Beutel, Ärmel, Winkel, Schachtel,
Schüssel, Büschel, und andere mehr, welche der gewöhnlichen
Analogie folgen: Ächselchen, Beutelchen, Ärmelchen, Winkelchen,
Schächtelchen, Schüsselchen, Büschelchen.Alle Diminutiva, wenn
sie es zugleich der Form nach sind, sind im Deutschen ungewissen Geschlechtes,
auch wenn sie von weiblichen Nahmen gemacht sind. Liebstes Lorchen. Bestes
Dorchen.Alle eigentliche Diminutiva, folglich auch die auf - chen, haben in der
zweyten Endung des Singulars ein s, und die erste Endung im Plural ist der
ersten Endung im Singular gleich. Das Hündchen, des -s, plur. die
Hündchen. Aber es gibt im Hochdeutschen auch einige Diminutiva, welche von
dem Plural des Hauptwortes, welches verkleinert werden soll, gebildet werden.
Kleine Lichterchen, artige Bücherchen, liebe Kinderchen, närrische
Dingerchen, possierliche Männerchen, niedliche Wörterchen. So auch
Häuserchen, Weiberchen, Geisterchen u. s. f. Diese Diminutiva finden nur
bey solchen Wörter Statt, die sich im Plural auf - er endigen; über
dieß sind sie nur in der vertraulichen oder scherzhaften Sprechart
üblich.Überhaupt sind alle Diminutiva auf chen nur der Hochdeutschen
Mundart eigen, die dadurch die Nieders. Diminut. auf - ken auszudrucken suchet;
denn die Verkleinerungswörter der eigentlichen Oberdeutschen endigen sich
insgesamt auf lein. Freylich finden sich auch im Oberdeutschen
Verkleinerungswörter auf - chen; aber alsdann sind sie entweder von den
Niedersachsen angenommen, oder es sind noch Überreste einer ältern
allgemeinern Mundart; denn eine nur flüchtige Betrachtung der fremden
Sprachen lehret uns, das die verkleinernde Form auf - chen gewiß so alt
und allgemein ist, als die auf - lein. Die Niedersachsen und Dänen machen
ihre Diminutiva auf ken, einige Oberdeutsche auf ger, z. B. Würmger,
Eyerger, Thierger, Zähnger u. s. f. die Engländer und Holländer
auf kin, die Slavonischen und Wendischen Mundarten auf ka und ko, wenigstens in
einigen Fällen, die Perser auf ke, anderer zu geschweigen. Die eigentliche
Bedeutung dieses Wörtchens ist noch unbekannt, weil es sich in dem
höchsten Alterthume der Sprache verlieret.Es ist nur noch die Frage
übrig, ob die Ableitungssylbe chen oder gen geschrieben werden muß.
Diese Frage ist nicht schwer zu beantworten; denn alle Gründe sind
für das chen, nicht so wohl, weil diese Schreibart dem
Niedersächsischen ken am nächsten kommt, sondern weil die Aussprache
aller Hochdeutschen das ch unentbehrlich macht. Manche Mitteldeutsche lassen
zwar gern ein g hören; allein das ist ein Fehler ihrer Mundart, der
für die übrigen kein Gesetz seyn kann. Wippel gibt in der von ihm
besorgten Ausgabe von Bödickers Sprachkunst die Regel, man sollte nach
einem gelinden Endbuchstab gen, und nach einem adspirirten chen schreiben.
folglich Mündgen, Leibgen, Seelgen, Drähtgen, und Döckchen,
Glöckchen u. s. f. Allein alsdann müßten die allermeisten
Wörter das g bekommen, welches wider die Aussprache seyn würde. Da
nun das ch in der allgemeinen Aussprache aller Hochdeutschen gegründet
ist, so muß man es billig in dem Besitze seines so wohl hergebrachten
Rechten lassen.Die verkleinernde Form -chen ist, wie schon gesagt worden,
vorzüglich der Hochdeutschen Mundart eigen. Allein da sie doch
zunächst aus der Niedersächsischen Mundart herstammet, so hat sie
auch mit allen übrigen daher entlehnten Formen und Wörtern das
gemein, daß sie in der höhern und erhabenen Schreibart für
niedrig gehalten wird. In dieser vermeidet man die Diminutiva ohnehin so sehr
als möglich; wenn man sie aber ja gebrauchen muß, so werden die mit
dem Oberdeutschen lein ihrer [
1325-1326] Würde allemahl
angemessener seyn, als die auf chen. Um deßwillen gab auch Luther in
seiner Übersetzung der Bibel den Verkleinerungswörtern auf lein fast
überall den Vorzug, ungeachtet sie der Mundart, in welcher er geboren war,
und in welcher er schrieb, gleich fremd war. Die vertrauliche Schreibart
hingegen darf sich der Wörter auf chen im geringsten nicht schämen.
S. Lein. [
1327-1328]