Der Anstand
, des -es, plur. inusit. von dem Verbo anstehen.1. Das Anstehen,
und zwar, 1) in der eigentlichen Bedeutung des Verbi. In diesem Sinne bedeutet
auf den Anstand gehen, bey den Jägern, sich an einen bequemen Ort stellen
und auf Wildbret warten.
S. auch weiter unten Num. 4. 2) In der figürlichen
Bedeutung, für Aufschub, Unterbrechung eines Geschäftes. Anstand
begehren. Die Sache leidet keinen weitern Anstand, keinen Verzug. Der Sache
noch einigen Anstand gönnen. Ohne Anstand, sogleich. Keinen Anstand
nehmen, etwas zu thun. Bewundere den Mann, der bey Thermopylä fiel, und
nicht Anstand nahm, für das Vaterland zu sterben, Dusch; wo es aber
für den warmen biblischen Styl zu matt ist. Anstand der Gerichte, ist in
Oberdeutschland auch für die so genannten Vacanzen oder Ferien
üblich, und Anstand, für Waffenstillstand, kommt so wohl in Kenners
Niedersächsischer Chronik, als auch bey dem Logau vor. In einer Urkunde
von 1462 bey dem Haltaus h. v. findet sich in dieser Bedeutung auch der Plural,
die Anstände, der aber sonst nicht üblich ist. Die R. A. bey dem
Opitz, Anstand mit etwas machen, mach Anstand mit den Winden, ist im
Hochdeutschen gleichfalls nicht gewöhnlich.2. Dasjenige, was einen Anstand
in dieser letztern Bedeutung verursacht, Zweifel, Bedenklichkeit. Etwas in
Anstand ziehen. Eine Sache außer Anstand setzen. Einen Anstand über
etwas haben. Anstand in etwas nehmen. Bedenken tragen. Es ergeben sich
Anstände, bedenkliche Umstände.3. Dasjenige, was anstehet, so fern
dieses Verbum das Schickliche in dem äußern Betragen ausdruckt, das
Verhältniß des äußern Betragens mit den innern
Vollkommenheiten, die man hat, oder doch vermöge seines Standes und
Berufes, und der jedesmahligen Umstände haben sollte. Ein guter, ein
schlechter Anstand. Er tanzt mit einem vortrefflichen Anstande. Der Redner hat
einen schlechten Anstand. In seiner Kleidung herrscht ein unverbesserlicher
Anstand. Welch edler Anstand herrscht in seiner jungen Miene! Weiße. In
engerer Bedeutung, der gute Anstand. Er hat den rechten Anstand, der sich
für einen Hofmann schickt.
Sie ward mit Anstand stolz und frey, Haged. Der schwarzen Augen
schlauer Scherz, Der Anstand lockender Geberden, Bezauberten ein jedes Herz,
Haged.
Der Anstand, Franz. Air, ist ein Theil des Wohlstandes,
S. dieses Wort.4. Der Ort, wo man sich an- oder
hinstellet, doch nur bey den Jägern, wo es einen bequemen Ort anzeiget, wo
der Jäger das Wildbret erwartet. Auf den Anstand gehen. Ein Stück
Wild auf dem Umstande schießen. Ingleichen der Ort, wo man stehen bleibt,
wenn man nach einem gewissen Ziele schießet; in welcher Bedeutung man wohl
auch zuweilen den Plural die Anstände höret.Anm. Frisch führet
Anstand auch in der Bedeutung einer anständigen Gelegenheit an; ich habe
einen guten Anstand gefunden. Allein diese Bedeutung wird wohl nur in einigen
besondern Gegenden üblich seyn, Hochdeutsch ist sie wenigstens nicht.
Anastantida wird in Boxhorns Glossen durch Standhaftigkeit,Beständigkeit
erkläret. Anstand in der dritten Bedeutung, ist von den neuern
Schriftstellern eingeführet worden, das Franz. Air auszudrucken. Gottsched
tadelte es, und wollte dafür Anständigkeit gebraucht haben; allein
man darf nur beyde Wörter mit einander vergleichen, so wird man
überzeugt werden, daß er die wahre Bedeutung des erstern nicht
einmahl gekannt hat. [
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