Die Tugend
, [
717-718] plur. die -en, ein Wort,
welches in einem verschiedenen Umfange der Bedeutung gebraucht worden, und noch
gebraucht wird. 1. * Körperliche Stärke, Kraft; eine veraltete Bedeutung welche
indessen doch die erste und ursprüngliche ist. Im Niedersächsischen ist tauger
noch stark, und bey dem Pictorius kommt noch Tucht für Kraft und Macht vor. In
engere Bedeutung wurde es ehedem auch häufig für Tapferkeit gebraucht, in
welcher Bedeutung es gleichfalls veraltet ist. 2. In engerer Bedeutung, Kraft,
Fähigkeit gewisse Veränderungen, besonders heilsame Veränderungen, hervor zu
bringen; eine größten Theils auch schon veraltete Bedeutung, in welcher die
Tugenden eines Krautes, einer Arzeney, ehedem ihre Heilkräfte waren. 3.
Figürlich ist die Tugend. (1) Der Zustand, da ein Ding die zu seiner Bestimmung
nöthigen Eigenschaften besitzt, wo es wieder auf doppelte Art gebraucht wird.
(a) Als ein Abstractum und ohne Plural, die Beschaffenheit eines Dinges, da es
alle zu seiner Bestimmung nöthigen Eigenschaften besitzet. Die Tugend eines
Hauses, eines Pferdes. Auch diese Bedeutung gehöret in der edlern Schreibart zu
den veralteten, ob man gleich noch im gemeinen Leben von der Tugend eines
Messers, eines Werkzeuges u. s. f. höret, dessen Tauglichkeit oder Tüchtigkeit
zu bezeichnen. Nieders. Döge. In engerer und höherer Bedeutung war Tugend
ehedem auch Vortrefflichkeit, und diese Bedeutung hat es vermuthlich noch 1
Pet. 2, 9. wo es heißt: die Tugend des, der euch berufen hat, im Griech
hier nichtlateinischer Text, siehe Image. (b) Als ein Concretum
und mit dem Plural, einzelne der Bestimmung gemäße oder brauchbare, gute
Eigenschaften. Ein Pferd von vielen Tugend. Die Treue ist die vorzüglichste
Tugend eines Hundes, die Leichtigkeit und Bequemlichkeit, die Tugend an einem
Werkzeuge. Der Rheinwein hat die Tugend, daß er nicht so leicht rauscht, als
der Französische. Ehedem sprach man auch von den Tugenden des Verstandes, d. i.
nützlichen Fähigkeiten desselben. (2) In engerer moralischer Bedeutung ist die
Tugend der Zustand, da ein vernünftiges Geschöpf seiner Bestimmung oder Absicht
gemäß handelt; wo es wieder in verschiedenen Einschränkungen gebraucht wird.
(a) Als ein Abstractum und ohne Plural, so wohl von der ganzen pflichtmäßigen
Beschaffenheit, von der Übereinstimmung des moralischen Zustandes mit dem
Gesetze oder der Bestimmung, als auch von der Fertigkeit zur möglichsten
Leistung seiner Pflicht. Etwas aus Tugend thun. Jemandes Tugend für zweydeutig
halten. Wir haben kein Zeichen der Tugend beweiset, Weish. 8, 14. Sich der
Tugend befleißigen. (b) Als ein Concretum und mit dem Plural, einzelne in
diesem Zustande gegründete, daraus herfließende Neigungen und Fertigkeiten,
jede pflichtmäßige und lobenswürdige Neigung oder Fertigkeit. Bürgerliche
Tugend, Fertigkeiten, die bürgerliche Gesetze, die Pflichten der menschlichen
Gesellschaft zu erfüllen. Natürliche Tugenden, deren Bewegungsgrund der
natürliche Erfolg der Handlungen ist, zum Unterschiede von den christlichen,
welche ihre Bewegungsgründe aus der Religion hernehmen. Mäßigkeit,
Verschwiegenheit, Fleiß, Treue u. s. f. sind Tugend. Aus der Noth eine Tugend
machen. Die Tugend stehet hier der Untugend, ingleichen dem Laster entgegen.
(3) In der engsten Bedeutung wird die Keuschheit oft nur Tugend schlechthin
genannt. Die Tugend einer Person in Verdacht ziehen. Was der Tugend eines
Frauenzimmers nachtheilig ist. Si hat tugent und ere, einer der Schwäbischen
Dichter. Und diese Bedeutung hat das Wort vermuthlich auch, wenn es in einigen
Reichsstädten als ein Abstractum, ein Titel adeliger Frauenzimmer ist. In
Nürnberg z. B. werden die Frauenzimmer aus patricischen Geschlechtern Ihre
Hochadelige Tugend genannt. Anm. 1. Fast in allen Sprachen ist der engere
moralische Begriff der Tugend eine Figur der Leibesstärke, Virtus, von Vis,
Vires, Kraft, Gewalt, hier nichtlateinischer Text, siehe Image von
hier nichtlateinischer Text, siehe Image, stark; nicht, weil die
Tugend moralische Kraft gegen einen Widerstand, gegen sinnliche Kraft ist,
sondern in dem rohen Jugendalter der Welt und der Nationen Leibesstärke und
darin gegründete Tapferkeit, die einzige bürgerliche Tugend, wenigstens der
einzige bürgerliche Vorzug war. Anm. 2. Dieses Wort kommt in seiner heutigen
Gestalt zuerst in dem alten Gedichte auf dem heil. Anno vor, wo es Dugint
lautet, im Wallisischen Digoniant. Ältere Sprachen und Mundarten haben statt
der Sylbe -end, die Sylbe de oder et, wie Willerams Tugede, Notkers Tuged, das
Angels. Duguth, das [
719-720] Nieders. Dögt, das Schwed.
Dycht, das Holländ. Deugt. Aus diesem Tugde ist ohne Zweifel, durch
Einschaltung des müßigen Nasenlautes, Tugend entstanden, so wie aus Jungde auf
ähnliche Art Jugend geworden ist. Tugde und Tugend stammen von taugen her, so
fern es ehedem ursprünglich stark seyn bedeutete, und zu dem veralteten degen,
groß, stark, tapfer, gehörete, von welchem Worte Theganheit bey dem Ottfried
noch für Tugend vorkommt. Das Nieders. Dögt bedeutet nicht allein Tugend,
sondern auch Tüchtigkeit, so wie Döge daselbst die Tauglichkeit ist.
S. Dick, Deihen, in Gedeihen, Tüchtig u. s. f.
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