Der Roman
, [
1153-1154] des -es, plur. die -e, im
weitesten Verstande, eine jede erdichtete, wunderbare Geschichte, da denn auch
erdichtete wunderbare Reisebeschreibungen u. s. f. diesen Nahmen führen. Ein
politischer, ein historischer, ein philosophischer, ein satyrischer Roman. Ein
moralischer Roman, dessen vornehmste Absicht die Besserung der Sitten ist. Im
engsten Verstande ist der Roman, eine wunderbare, oder mit Verwirrungen
durchwebte Liebesgeschichte; welche Verwirrungen, oder welches Wunderbare einen
Roman in allen Bedeutungen, so wohl von einer Erzählung, als auch von einer
andern erdichteten Geschichte unterscheiden. Anm. Im gemeinen Leben lautet
dieses Wort sehr häufig, obgleich ohne allen Grund, im weiblichen Geschlechte
die Romäne. Wir haben dieses Wort zunächst aus dem Franz. Roman entlehnet,
welches eben dieselbe Bedeutung hat. Der Ursprung dieser Benennung ist nicht
mehr ungewiß. In den mittlern Zeiten wurde in dem ganzen westlichen, von den
Römern ehedem unterjochten Europa, die aus dem gemeinen Lat. entstandene
Landessprache, Romana lingua, und im Franz. Romance, Romans, Roman, genannt, da
sie denn der eigentlichen Lateinischen Sprache, welche die Sprache der
Geistlichen Gelehrten und Gerichtshöfe war, entgegen gesetzet wurde, wovon sich
so wohl bey dem Du Fresne v. Romanus, als auch in den Poesies du Roi de
Navarre, Th. 1. S. 78. f. häufige Beyspiele finden. Aus Majansii Specim. Bibl.
Hisp. S. 40, 48, 67, 69, 70, u. s. f. erhellet, daß in Spanien noch in der
letzten Hälfte des 16. Jahrhund. die gemeine Landessprache, im Gegensatze der
Latein. Romance genannt worden, ja noch jetzt heißt die zierliche Spanische
Mundart daselbst Romanze Castillano; anderer Beyspiele zu geschweigen. Als nun
im 11ten Jahrhunderte in Frankreich, und vielleicht auch in den angränzenden
Spanischen Provinzen, die Troubadours, wider die Gewohnheit aller übrigen
damahligen Schriftsteller anfingen, in dieser gemeinen Landessprache zu dichten
und zu schreiben, so wurde anfänglich ein jedes solches Gedicht Roman, Romans,
und Romanze genannt. Folquet de Lunel, ein solcher Troubadour des 13ten
Jahrhundertes, schrieb unter andern ein satyrisches Gedicht auf die Sitten
seiner Zeit, und nennet dasselbe in dem Schlusse zwey Mahl einen Roman,
S. Histoire litteraire des Troubadours, Th. 2. S. 145.
Weil nun die wunderbaren Helden- und Liebesgeschichten dieser Troubadours und
ihrer Nachahmer, so wohl in den übrigen Provinzen Frankreichs, als auch in den
übrigen Theilen Europens, ihre vornehmsten Arbeiten waren, welche damahls das
meiste Aufsehen machten, so geschah es, daß der Nahme eines Romanes dieser Art
einer erdichteten Geschichte vorzüglich eigen blieb. Pro quodam Romano
religando et pro Historio de Roncevaux, xx Sol. heißt es in einer
handschriftlichen Rechnung von 1245 bey dem Carpentier v. Historium. So
ungezwungen und erweislich nun diese Ableitung des Wortes Roman auch ist, so
war doch Wachter nicht damit zufrieden, weil, wie er sagt, die Romana lingua
die allgemeine Sprache gewesen, worin damahls alle bürgerliche und kirchliche
Sachen geschrieben worden, daher die Benennung zu allgemein sey. Allein, man
siehet, daß er die wahre Bedeutung des Ausdruckes, Romana lingua, verfehlet,
und selbige für das damahls übliche Latein gehalten, welches zu allen
bürgerlichen und kirchlichen Schriften gebraucht wurde; welche Sprache doch
jederzeit Latina genannt, und der Romana rustica und den daraus entstandenen
Landessprachen entgegen gesetzet wurde; daher denn auch die von ihm
vorgeschlagene Ableitung von Reim und reimen entbehret werden kann, zumahl da
sie nicht den geringsten Beweis für sich hat. [
1155-1156]