E
, der fünfte Buchstab des Deutschen Alphabetes und der
zweyte unter den Vocalen oder Hülfslauten.1. Dieser Buchstab hat im
Hochdeutschen einen doppelten Laut, indem er theils wie das e der Lateiner in
meus, heri, bene, merito u. s. f. theils aber auch wie a lautet.Das erste e,
welches auch aus das hohe e genannt wird, und, wenn es den Ton hat, dem e ferme
der Franzosen gleicht, wird am häufigsten gebraucht; ob sich gleich alle
die Fälle, in welchen es vorkommt, nicht leicht unter gewisse bestimmte
Regeln bringen lassen. Vor dem h ist es in den meisten Fällen hoch, und
hat zugleich den Ton; wie in gehen, sehen, stehen, mehr, u. s. f. Indessen gibt
es auch Fälle, wo es wie ä lautet, wie in fehlen, hehlen, Hehler,
stehlen, Mehl, nehmen, sehnen u. s. f. In zehren, wehen, drehen und andern
mehr, wird es selbst im Hochdeutschen oft hoch, am häufigsten aber tief
ausgesprochen.Das tiefe e, das e ouvert der Franzosen, lautet wie ä, und
findet sich in der ersten Sylbe vieler zweysylbigen Wörter, dergleichen
leben, geben, Hebel, ledig, reden, Segel, Kegel Elend, lesen, Wesen, bethen,
treten, selig u. s. f. sind. In allen diesen Fällen ist es zugleich
gedehnt und hat den Ton. Geschärft aber ist es in Berg, Werk, Zwerg,
Essig, Kessel, lecken, Zweck, strecken u. s. f.Das verdoppelte e oder ee, oder
das Zeichen des gedehnten e, ist in den meisten Fällen hoch, See, Klee,
Meer, Heer, Beere, leer, Seele, das Beet, Allee, die Beete. Denn Scheere,
scheeren, scheel, Meet, sind bloße Neuerungen, für Schere, scheren,
schel, Meth.Da der Übergang von einem Selbstlaute zu dem andern in allen
Sprachen etwas gewöhnliches ist, so darf man sich auch nicht wundern, wenn
verschiedene Deutsche Mundarten statt des Hochdeutschen e andere Töne
hören lassen. So sprechen die rauhern Oberdeutschen Mundarten, linka
Seitha für linke Seite, Wunda für Wunde; die Schlesier Fahl für
Fell, Nalken für Nelken, ihrlich für ehrlich, Siele für Seele,
gihe für gehe; die Pfälzer Ältisten für Ältesten,
spätisten für spätesten, wehrtister für werthester; einige
Niedersachsen Bieke, in Zwey Sylben, für Beke, Bach, Tiewe für Tewe,
Hündinn, Jesel für Esel u. s. f. Selbst die Hochdeutsche Mundart ist
davon nicht frey; denn daher rühret unter andern auch die Verwandtschaft
der Vocale so wohl in vielen abgeleiteten Wörtern, als auch in der
Conjugation der irregulären Zeitwörter. So kommt von Berg Gebirg, und
von Werk wirken; so gehet das e in a über, in kennen, ich kannte, gekannt,
brennen, brannte, gebrannt, genesen, genas; in ie, befehlen, du befiehlst,
schwer, schwierig; in i, bergen, du birgst, geben, du gibst, brechen, du
brichst, brich, ich esse, du issest; in o, ich pflege, gepflogen, brechen,
gebrochen, schelten, gescholten, zuweilen, obgleich seltener, auch in u,
stehen, ich stund, für ich stand, werden, ich wurde.2. Der Gebrauch dieses
Buchstaben ist von einem sehr weiten Umfange. Ohne hier dasjenige zu
wiederhohlen, was in der Sprachlehre und Orthographie davon gesagt worden,
sollen nur ein Paar Stücke davon bemerket werden.1) Am häufigsten
dienet dieser Vocal zur Flexion der Wörter am Ende, welche der Regel nach
allein durch ihn geschiehet. Erdienet zur Declination, der Mann, des Mannes,
dem Manne, die Männer; der Trieb, des Triebes, dem Triebe, die Triebe. Zur
Comparation, süß, sußer, der süßeste; hoch,
höher, am höchsten. Zur Conjugation, ich tödte, du tödtest,
er tödtet, ich tödtete, getödtet, tödten. In allen diesen
Fällen ist er kurz, und gemeiniglich auch von dem Tone verlassen. Ja er
wird in vielen Fällen gar weggelassen, wie hernach wird gesagt werden.2)
Dienet dieser Buchstab auch zur Bildung neuer Wörter. So werden aus
Adverbien vermittelst des angehängten e Hauptwörter, das Abstractum
derselben auszudrucken; gut, Güte, lieb, Liebe, stark, Stärke,
groß, Größe, mild, Milde, dürr, Dürre u. s. f. Alle
solche Substantive sind weiblichen Geschlechtes.3) Eine der vornehmsten
Verrichtungen dieses Vocales ist die Beförderung des Wohlklanges. Dieses e
euphonicum verdienet hier ein wenig umständlicher entwickelt zu werden.Die
Hochdeutsche Mundart beobachtet die Mittelstraße zwischen der allzu
großen Weichlichkeit der Niedersächsischen, und der rauhen Härte
der Oberdeutschen Mundart. Die letztere zu mildern, hat sie unter andern auch
den weichen Consonanten b, d, g, s, dem gelinden ß, und dem w, welche am
Ende nicht anders als hart ausgesprochen werden können, ihre erste gelinde
Aussprache wieder gegeben, und dieses konnte nicht anders als durch
Anhängung eines e geschehen. In Bild, Sieb, Raub, lang, des, Haß
lauten die letzten Consonanten wie t, p, k, ß und ss. Allein in tausend
andern Wörtern, wo die Hochdeutsche Mundart weichere Mitlaute hören
lassen will und muß, ist das e unentbehrlich. Dahin gehören Bube,
Knabe, Schwabe, Gewölbe, Gewerbe, Glaube, Rabe, Gnade, Friede, behende,
spröde, blöde, Schade, geschwinde, Heide, Habe, Stube, gerade, herbe,
Gebäude, Gewinde, Gemählde, Ende, enge, geringe, träge, das
Beschläge, das Auge, Gebirge, Gedränge, böse, lose, leise,
weise, Franzose, Matrose, Hase, Accise, Gekröse, Getöse, Preuße,
Löwe; ingleichen die Imperativi, welche sich auf einen von diesen
Mitlauten endigen, liebe, büße, begnüge, borge, sage, klage u.
s. f. Alle diese Wörter lautet im Oberdeutschen hart Bub, Knab, Schwab,
blöd, Rab, Heid, bös, weis, Has u. s. f. In andern Wörtern aber,
wo die Hochdeutsche Mundart die Oberdeutsche Aussprache behalten hat,
würde es ein Fehler seyn, sie durch ein angehängtes e weicher zu
machen. Man spricht und schreibt also bald, Geduld, Schuld, lang, (außer
wenn es das Nebenwort der Zeit lange ist,) jung, gib, lis u. s. f.Dieser Regel
folgen auch einige andere Wörter, welche sich auf einen Hauch- oder
Lippenbuchstab endigen, denen im Hochdeutschen gleichfalls ein e
angehänget wird, vermuthlich, um die harte Einsylbigkeit dadurch zu heben.
Dergleichen Wörter sind, z. B. Affe, Laffe, Gedanke, Funke, Schnepfe,
Franke, Türke, Sache, Stampfe, Drache u. s. f. dagegen Glück,
Geschick, dick, Graf, Gespräch und andere dieser Milderung nicht
bedürfen.Auch gehören hierher die Gentilia, welche sich nicht auf ein
r endigen, und dergleichen außer den oben gedachten sind, der Däne
der Schwede, der Pohle, der Russe, der Norwege, der Böhme, der Hesse, u.
s. f. welche dieses e nur um des Wohl- [
1625-1626] lautes
willen annehmen, dagegen die, so sich auf ein r endigen, wie Baier, Perser,
Indier, Pommer, Märker u. s. f. es nicht bedürfen.Hieraus erhellet
zugleich, wie unrecht diejenigen daran sind, welche manchen Wörtern, die
nicht unter diese Fälle gerechnet werden können, ein unnützes e
anhängen, und späte, ofte, dünne, Narre, schöne, ihme,
indeme, Poete, Prophete, Fürste u. s. f. sprechen und schreiben. Eben so
merklich ist der Übelklang bey den auf solche Art ohne gehörige
Ursache verlängerten Neutris, Glück, Geschick, Geschenk, Geschlecht,
Geblüt, Gemüth, Gesetz, Netz, Gedicht, Gerücht, Gewicht,
Geräusch, Gewächs u. s. f. Nur einige einsylbige Nebenwörter
vertragen dieses e, wenn sie am Ende einer Periode zu stehen kommen, um den
Mißklang zu vermeiden, den ein einsylbiges Wort in diesem Falle
verursachen würde, Mehr ist von diesem e in der Orthographie gesagt
worden.3. Weil das e, nicht das e euphonicum, sondern dasjenige, welches die
Wörter am Ende beugen hilft, die Rede oft schleppend macht, so kann und
muß es oft weggelassen werden. Diese Weglassung ist,1) Nothwendig. (a) Im
Dative der Hauptwörter, wenn sie ohne Artikel stehen,
S. 1 Der, S. 1454. (b) In einigen Superlativen. Der
beßte oder beste für besseste, der liebste für liebeste, der
dümmste, frömmste, gröbste, höchste, nächste,
schwächste, jüngste, längste, u. s. f. Besonders diejenigen,
welche sich im Positive auf ig, lich, ach, bar, sam, em, en und er endigen. (c)
In den Mittelwörtern der vergangenen Zeit auf et, ein Geliebter,
Betrübter für Betrübeter, verstimmte Saiten, ein geübter
Redner u. s. f. Nur nicht, wenn schon ein anderes t vorher gehet; ein
gerichtetes Haus, nicht gerichttes, ein verpflichteter Diener. (d) In einigen
Zeiten mancher Verborum. Ich liebte, lobte, für liebete, lobete. (e) In
den Endungen elen, eren der Zeitwörter, wo am besten das zweyte, von
härtern Mundartern aber das erste e verbissen wird. Mauern (mauren)
dauern, (dauren), lauern, (lauren) für maueren, daueren, laueren; mangeln,
(manglen) segeln, (seglen) für mangelen, segelen.2) Bloß erlaubt ist
sie, besonders in der vertraulichen Sprache des Umganges und in der Poesie, in
allen Fällen, wo der Wohlklang nicht darunter leidet, das ist, wo durch
die Zusammenziehung nicht zu viele und zu harte Mitlauter zusammen kommen. So
wird das e des Genitivs und Dativs, auch wenn ein Artikel vorhanden ist, in den
Adjectiven auf ein kurzes en, in den Mittelwörtern der vergangenen Zeit
auf en, in den Infinitiven mancher Zeitwörter, in den Comparativen und
Superlativen u. s. f. sehr oft verschlungen. Die kühle Luft am Abend, die
Stärke des Thiers, sein eignes Vermögen; geh, steh, beßre
Menschen, das völlste Faß. [
1627-1628]