Blind
, -er, -este, adj. et adv. des Gesichtes, oder der Werkzeuge des
Sehens beraubt. [
1073-1074] 1. Eigentlich. Blind seyn. Auf
einem Auge, auf beyden Augen blind seyn. ein blinder Mann. Sprichw. Ein blinder
Mann, ein armer Mann, weil die Blindheit in der Erbfolge von den
Lehengütern ausschließet. Er urtheilet, wie ein Blinder von der
Farbe, ohne Kenntniß. Einen hohen Grad der Blindheit druckt man im
gemeinen Leben durch starrblind, stockblind aus;
S. diese Wörter. Hierher gehöret auch die im
täglichen Umgange übliche figürliche R. A. blind kommen, oder
blind ankommen, wie ein Blinder, der überall anstößet, empfangen
werden. wer so etwas von mir verlangt, der kommt bey mir blind, oder der kommt
bey mir an, der betriegt sich in seiner Hoffnung.
Da kommt die List der Mißgunst blind, Günth. Da kommt
Damötas blind, euch macht er wohl nicht dumm, Rost.
2. In weiterer Bedeutung, auf kurze Zeit des Gesichtes
beraubt. Jemanden mit sehenden Augen blind machen, im gemeinen Leben, ihm etwas
überreden, wovon ihm doch seine Augen das Gegentheil versichern.
Unfallo das allein darumb seyt, Das er den Geld möcht
machen plindt Mit gesehenden Augen, Theuerd. Kap. 48.
Hierher gehöret auch das im gemeinen Leben übliche
Spiel, die blinde Kuh, da einer mit verbundenen Augen einen andern aus der
Gesellschaft erhaschen muß, welches Spiel in Oberdeutschland, Franken und
Thüringen Blinzelmäuschen, Blinzelmaus, blinde Mäuslein, im
Schwed. Blindbock, im Dän. Blindebuk, im Franz. aber Cligne-mussette
heißt, welche Benennung mit dem Deutschen Blinzelmäuschen
überein kommt. im Griech. hieß dieses Spiel Collabismus, von -
hier nichtlateinischer Text, siehe Image - ,
ansonsten, weil eine solche blinde Kuh überall anstößt. in
Italien, wo es, dem Verelius zu Folge, von den Ostgothen soll seyn
eingeführet worden, ist es unter dem Nahmen Gioco de la cieca bakannt.
Worm hat den wunderlichen Einfall, daß dieses Spiel erfunden worden, der
Absichten Julii Cäsaris wider die nordischen Völker zu spotten.3.
Figürlich. 1) Trübe, seines Glanzes beraubt. Das Silber siehet ganz
blind aus. De Spiegel ist blind geworden.2) Nur den Schein einer Sache habend.
Blinde Fenster, blinde Thüren, in der Baukunst, die wie Fenster und
Thüren aussehen, ohne es wirklich zu seyn. Blinde Taschen, bey den
Schneidern. Blinde Köpfe setzen, bey den Mundärzten,
Schröpfköpfe ohne Öffnung der Haut setzen. Blinde Soldaten
haben, oder führen, Soldaten als wirklich vorhanden angeben, die doch
nicht im Dienste sind. So auch im Bergbaue, blinde Häuer, und in der
Seefahrt, blinde Matrosen führen. Ein blinder Lärm, der ohne Grund,
ohne wirklich vorhandene Gefahr gemacht wird. Ein blinder Angriff, der nur zum
Scheine, oder doch ohne Kugel, Blind laden, entweder nur zum Scheine, oder doch
ohne Kugel, bloß mit Pulver laden. Blind schießen, ohne Kugel. Blind
blühen, ohne Früchte anzusetzen. Ein blinder Passagier, der heimlich
auf der Post mitfähret, ohne eingeschrieben zu seyn, und ohne das
gehörige Postgeld zu bezahlen. Blind mitfahren, auf der Post. Blinde
Muthung, im Bergbaue, wenn in einem Muthzettel weder der Gang noch der Ort des
Gebirges bemerket worden. Blinde Granaten, in der Feuerwehrkunst, die nicht mit
doppeltem Feuer geworfen werden, sondern erst Feuer bekommen, wenn sie die Erde
oder einen harten Körper berühren. Blinder Hopfen, in Liefland,
wilder Hopfen. Blindes Holz, Blindholz, am Rheinstrome, die bey dem Beschneiden
des Weines abgeschnittenen Spitzen der Reben, so auch zum Versenken gebraucht
werden, und in Franken Rebspitzen heißen. Blinde Hämorrhoiden, ohne
Ausfluß des Blutes. Ein blinder Rauf, der nur zumScheine geschiehet. Eine
blinde Läuterung, in den Rechten, die wider ein noch nicht geschehenes
Urtheil eingelegt wird.3) Der nöthigen und zu seinem Wesen gehörigen
Öffnung beraubet. Der blinde Darm, in der Anatomie, ein Darm, der auf der
rechten Seite des Grimmdarmes lieget, und unten zu ist; Intestinum rectum. Ein
blindes Schloß, welches an allen Seiten verdeckt ist, so daß es
nirgends anders, als mit dem dazu gehörigen Schlüssel geöffnet
werden kann. Eine blinde Wand, in der Baukunst, die keine Öffnung weder
zur Thür, noch zu Fenstern hat.4) Verborgen, versteckt. Ein blinder
Schlüssel, der verdeckte Spanner an einem Schlosse, vermittelst dessen
dasselbe ohne Schlüssel von innen geöffnet werden kann; der
Blindschlüssel.
Sie graben mir viel blinde Gruben ein, Opitz Ps. 119, 43.
Doch in dieser Bedeutung ist es im Hochdeutschen nur sehr
selten.5) Der Augen des Verstandes beraubt, mit den Augen des Geistes nicht
sehend. Die Liebe ist blind. Die Glückseligkeit des Reichen bestehet mehr
in der Meinung des blinden Haufens, las in wahren Vorzügen, Dusch. Er ist
blind gegen sein Glück. Die Freundschaft ist parteyisch, immer blind
für die Fehler ihrer Lieblinge, Weiße. Niemahls hat mich das
Vorurtheil für diejenigen, die ich liebe, und ihre Mängel blind
gemacht. Blind zufahren, ohne Prüfung und Überlegung.6) Aus einer
solchen Blindheit herrührend, ohne Wahl und Beurtheilung geschehend. Ein
blinder Gehorsam, welchen man leistet, ohne die sittliche Beschaffenheit der
befohlnen Sache zu untersuchen. ein blindes Verlangen, das von Leidenschaften,
von Vorurtheilen erzeuget wird. Das blinde Glück, weil es oft die am
meisten begünstiget, die es am wenigsten verdienen. die blindeste Liebe
hat ihn hingerissen. Blinde Gewohnheit, Gewohnheit ohne Bewußtseyn. Blinde
Nachahmung, ohne Beurtheilung.Anm. Blind ist eines von den wenigen
Wörtern, die weder durch die Jahrhunderte, noch durch die Mundarten einige
Veränderungen erlitten habe. Schon bey dem Ulphilas lautet es blind, und
eben so lautet es bey den Alemannen, bey den Franken, bey den Angelsachsen, bey
den heutigen Engländern, bey den Niedersachsen, Isländern, Schweden,
Dänen und Holländern. Diese seltene Übereinstimmung ist zugleich
Ursache, daß man diesem Worte in Ansehung seiner Abstammung wenig anhaben
kann. Vermuthlich gehöret es zu dem alten bliga, lugen, blühen,
sehen, und scheinen. an das n darf man sich nicht stoßen, weil auch das
gleichfalls davon abstammende Zeitwort blinken dasselbe hat. [
1075-1076]