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Adelung - Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart

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Übergeben | Gehe zu Seite/Spalte:  | Der Übergeher

Übergehen

, [753-754] verb. irreg. ( S. Gehen.) 1. Übergehen, ich gehe über, übergegangen, über zu gehen; als ein Neutrum mit dem Hülfsworte seyn. (1) Über die Höhe eines andern Dinges gehen, besonders von flüssigen Körpern, wofür doch überlaufen, überfließen üblicher ist. Wie das Wasser Tigris, wenn es übergehet im Lenzen, Sir. 24, 35. Die Kelter werden mit Most übergehen, Sprichw. 3, 10; welche Wortfügung mit mit noch ungewöhnlicher ist, besser, der Most in der Kelter wird übergehen. Eben so fremd ist im Hochdeutschen die Wortfügung mit der zweyten Endung: weß das Herz voll ist, deß geht der Mund über, Matth. 12, 34. Am üblichsten ist das Zeitwort in dieser Bedeutung im Hochdeutschen, in der R. A. die Augen gehen ihm über, die Thränen treten ihm in die Augen, eigentlich die Augen laufen ihm von Thränen über. Eine so traurige Geschichte, daß allen Zuhörern die Augen übergingen. Der Rauch macht, daß einem die Augen übergehen. Uns allen sind die Augen übergegangen. (2) In die Gewalt, in die Herrschaft, in den Besitz eines andern gehen. Zum Feinde übergehen, wo dieses Zeitwort die Rechtmäßigkeit oder Unrechtmäßigkeit des Überganges unentschieden lässet. Zu einer andern Partey, zu einer andern Religion übergehen. Die Stadt ist übergegangen, ist an den Feind übergeben worden. Sie wird bald an den Feind übergehen, wo das Vorwort zu nicht Statt findet. Nach einer noch weitern Figur, in einen Zustand gerathen, doch nur in einigen Fällen, und mit dem Vorworte in. In die Fäulniß übergehen. (3) Vor etwas vorbey gehen, wo es doch vielmehr das Zeitwort vorüber gehen ist. Daß, wenn ich das Blut sehe, ich vor euch übergehe, (besser, über gehe, getheilt,) 2 Mos. 12, 13. Im gemeinen Leben sagt man indessen noch, es wird bald übergehen, d. i. vorüber, vorbey gehen. 2. Übergehen, ich übergehe, übergangen, zu übergehen, mit der vierten Endung der Sache. (1) Auf der ganzen Oberfläche hin gehen. a) Eigentlich. Ein Feld übergehen, es begehen, über der ganzen Oberfläche hin gehen, besonders es zu besichtigen, Acht darauf zu haben u. s. f. eine nur im Oberdeutschen übliche Bedeutung, von welcher der Übergeher daselbst so viel als ein Aufseher geringer Art ist, welcher den Gegenstand seiner Aufsicht begehen muß. Wenn er denselben bereitet, so heißt er im Oberdeutschen ein Überreiter, im Hochdeutschen aber ein Bereiter. Im Österreichischen hat man Wegeübergeher, Pflasterübergeher, Holz- Wald- und Forstübergeher, Lehnwägenübergeher, Bauübergeher u. s. f. b) Figürlich. 1. Die Oberfläche eines Dinges bearbeiten, in vielen Fällen bey den Künstlern und Handwerkern. Wenn der Mahler auf Holz mahlen will, so übergehet (überziehet) er zuförderst das Holz mit heißem Leim, reibt, wenn es trocken, die zu bearbeitenden Seite nachdrücklich ab, und übergehet sie hernach mit Kreidengrund, der wieder mit Öhlfarbe übergangen wird. Die drey Operationen in der schwarzen Kunst, wodurch die Kupferplatte zubereitet wird, nennet man gleichfalls übergehen, und mit einem Hauptworte den Übergang. Soll eine Platte recht schwarz und einförmig seyn, so muß man sie wohl zwanzig Mahl übergehen, d. i. die ersten drey Operationen wohl zwanzig Mahl wiederhohlen, Und so in andern Fällen mehr. 2. Übersehen, durchsehen. Eine Rechnung übergehen, sie durchsehen, ob sie richtig ist. (2) * Über etwas her gehen, d. i. anfallen, befallen, überfallen; eine im Hochdeutschen ungewöhnliche Bedeutung. Der Zorn übergehet mich, übereilet mich, im Oberdeutschen.
Ein Mensch, der öfters wird mit Prügeln übergangen, Wird endlich schlägefaul, Opitz. Was meinst du, was mich hier für Unmuth übergangen? Günth.
(3) Über etwas hinaus gehen, eine Bedeutung, welche im Hochdeutschen gleichfalls veraltet ist. Du hast ein Ziel gesetzt, das wird er nicht übergehen, Hiob 14, 15; wofür man jetzt überschreiten sagt. Daher folgende figürliche Bedeutungen. a) * Einen Befehl, ein Gesetz übergehen, eine alte, aber im Hochdeutschen auch veraltete Bedeutung, wofür man jetzt übertreten sagt. Schon in dem alten Gedichte auf den heil. Anno ubirgehen. Warum übergehet ihr also das Wort des Herren? 4 Mos. 14, 41. So konnte ich doch nicht übergehen das Wort des Herren, Kap. 22, 18.
Du schiltest ob der stolzen Leute Schar, Die dein Geboth so irrig übergangen, Opitz, Ps. 119.
b) Eine Sache übergehen, die gewöhnliche Zeit derselben vorbey gehen lassen, ohne die Sache zu üben. Das Aderlassen übergehen; das Essen, den Schlaf übergehen. Nach noch weiterer Figur übergehet man eine Formalität, eine Umstand, wenn man sie nicht beobachtet. Etwas im Lesen übergehen, es nicht mit lesen. In der Erzählung einen Umstand übergehen, verschweigen. Etwas mit Stillschweigen übergehen, nichts davon melden, sagen, erwähnen. c) In engerer Bedeutung übergehet man etwas, wenn man über etwas weggehet, ohne es zu bemerken. So übergehet der Leithund die Fährte, wenn er aus großer Hitze oder Nachläßigkeit darüber hin schießet. (4) Sich übergehen, ist zuweilen so viel, als über seine Kräfte, über sein Vermögen gehen, mehr oder stärker gehen, als unbeschadet der Kräfte geschehen kann. So auch das Übergehen, und in einigen Fällen die Übergehung. S. auch Übergang. Anm. Da dieses Zeitwort, wenn es den Ton auf dem Hauptworte hat, allemahl ein wahres Activum ist, so ist es ein Fehler, wenn es von manchen mit dem Hülfsworte seyn verbunden wird. Daß er die Freundschaft in diesem Verstande übergangen ist, Less. für hat. Wie können sie es ihm verdenken, daß er dieses übergangen ist? eben ders. Dagegen derselbe an einem andern Orte richtig sagt: sie haben nur eine kleine Formalität übergangen. Eben so fehlerhaft ist es, wenn andere das Vorwort in diesem Falle als trennbar ansehen. Ich gehe mit Stillschweigen über, für, ich übergehe mit Stillschweigen. [753-754]
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